Die Kriegschronik des katholischen Ida-Stifts in Holsterhausen: „Mit dem Aufblick zu Gott erfüllt die Schwesternschaft ihre Pflicht“ – Alles lag in Trümmern

In einer Welt, die aus den Fugen geraten war, kümmerten sich die Schwestern um das Naheliegende, das wich­tig wird: Herberge schaffen, Verpflegung organisie­ren, „was Küche und Keller“ eben noch bieten konnten. Es wird über Einzelschicksale berichtet, von Kindern, die im Bombenhagel umkamen, von Flüchtlingen und NS-Bonzen, von Soldaten und vom Ende des Krieges, das eine Erlösung war. Der sehr umfangreiche Text ist hier gekürzt; die Authentizität blieb erhalten.

1939 – Rekruten stärken sich im Gottesdienst für den Kriegsdienst

Was wird uns das Jahr bringen? Gott weiß es, ihm überlas­sen wir alles. [...] Im September/Oktober waren zwei Einkehrtage für Rekruten, die gut besucht waren. Denn es wütet furchtba­rer Krieg. Wir schließen alle Soldaten in unser Gebet ein.

Das alte, nicht mehr existente Gebäudes des Ida-Stifts mitten in Holsterhausen

1940 – Wegen Fliegergefahr fiel die Mitternachtsmesse an Weihnachten aus

Still hält das Jahr 1940 seinen Einzug, keine Glocke tönt, kein Schuss verkündet den Anfang des neuen Jahres. Es ist immer noch Krieg. Schwer lastet die Sorge auf jedem. Wird das neue Jahr uns den Frieden bringen? [...] Unterdessen nimmt der Krieg seinen Fortgang. Am 26. Juni wurde Waffenstillstand mit Frankreich ge­schlossen. Am 10. September wurde Herr Kaplan Fasbender zum Militär einberufen. An seine Stelle trat Herr Kaplan Heinrich Teilen aus Hamborn. Herr Rektor [van Heyden] ist auch Lazarettpfarrer und betreut die Verwundeten, Kranken und Gefangenen. Wegen des Krieges und der Fliegerge­fahr musste Weihnachten von einer Mitternachtsmes­se abgesehen werden. [...] Am Feste der hl. Ida wurde das erste Levitenhochamt in unserem Kapellchen gehalten von Herrn Dechant Eing unter Assistenz von Herrn Rektor van Heyden aus Boni­fatius und Herrn Pfarrer Wegmann aus Schermbeck. Möge die hl. Ida fernerhin unser Haus segnen und beschützen.

1941 – Feindliche Flieger suchen uns jetzt jede Nacht heim

Nun geht es mit Mut und Gottvertrauen in das Jahr 1941. Wird es uns den ersehnten Frieden bringen? Es steht in Gottes Hand. Wir wollen uns ihm ganz über­lassen. Nichts geschieht von ungefähr, von Gottes Hand kommt alles her. – Am 23. März sah das Ida-Haus hohen Besuch. Der hochw. Herr Weihbischof Roleff spendete den Kindern von Holsterhausen das hl. Sakrament der Firmung und besuchte dann die Schwestern. Der Kirchenvorstand hatte sich zur Begrüßung des hohen Gastes im Saal des Ida-Stiftes versammelt. [...] Nach einer Anordnung des Hochw. Herrn Bischof Clemens August Graf von Galen darf an Tagen, wenn nach Mitternacht Alarm war, nachmittags eine hl. Messe gelesen werden. Die feindlichen Flieger suchen uns jetzt jede Nacht heim. Gott sei Dank ist hier noch kein Schaden ent­standen. Nun geht das Jahr 1941 seinem Ende entgegen. Noch immer tobt der Krieg im Osten, in Russland ganz furchtbar. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Nun hat Japan den Krieg an Amerika erklärt, infol­gedessen auch die verbündeten Mächte; Deutschland und Italien. [...]

Schwestern des Ida-Stifts

1942 – Mit einem Aufblick zu Gott erfüllt die Schwesternschaft ihre Pflicht

Kriegsjahr 1942. Wird es uns den Frieden bringen? Gott weiß es. – Überall muss mit doppeltem Eifer gearbeitet werden, da viele draußen im Feindesland ihre Pflicht tun. Auch die kleine Schwesterngemeinde im Ida-Haus hat alle Hände voll zu tun. Zwar sehen wir in der Küche nicht mehr das frohe Schaffen der Kochschülerinnen, da die Lebensmittelrationierung das nicht gut möglich macht. Auch Handarbeitsschü­lerinnen fehlen, denn die Nähmaschinen sind der Wehrmacht geliehen. Zudem sind alle abkömmli­chen Mädchen kriegswichtigen Betrieben zugeführt. Da Arbeitskräfte schwer zu haben sind, müssen die Schwestern alles in Hof und Feld selber tun. Sie hel­fen durch Milchablieferung mit an der Ernährungs­frage des lieben deutschen Vaterlandes. Auch die Arbeit der Krankenschwester hat zugenommen, ein Arzt ist nicht immer zu haben, da kommen die Leute vertrauensvoll zur Schwester. Mit einem Aufblick zu Gott erfüllt die Schwesternschaft ihre Pflicht.

Nun hat auch Herr Kaplan Teilen seinen Gestel­lungsbefehl bekommen. Am 18. Mai trat er seinen Dienst bei den Soldaten an, ein harter Verlust für die Gemeinde, besonders für alle Kranken und Armen, die ihm sehr am Herzen lagen. Vier Wochen in Iserlohn, dann musste er die Reise nach dem Osten antreten. An seine Stelle trat Herr Pater Hövelkamp, ein Hiltruper Herz-Jesu-Priester. Am 5. August hatte Herr Standortpfarrer van Heyden eine ganze Reihe schwer verwundeter und amputier­ter Soldaten ins Ida-Stift eingeladen, wo ihnen bei Kaffee und Kuchen, Frei-Verlosung, Musik und Ge­sang und durch Darbietungen der Kleinen aus dem Kindergarten einige frohe Stunden bereitet wurden. [...]

1943 – Ein Blindgänger schlug in die Waschküche ein

Mit sehr ernsten Gedanken ging es in das neue Jahr 1943. Wird es uns den Frieden bringen? Furchtbar sind die Abwehrkämpfe unserer braven Soldaten im Osten. [...] Am 22. Januar wurde das Krankenhaus in Dorsten bei einem nächt­lichen Fliegerangriff durch eine 40 Zentner schwere Bombe, die in den Graben neben dem Krankenhaus fiel, schwer beschädigt. Außer einigen zerbrochenen Fensterscheiben durch Flaksplitter hat das Ida-Haus noch keinen Schaden erlitten. Oft musste die Ib. Schwester Suitberta mit den Kleinen des Kindergar­tens den Luftschutzkeller aufsuchen. [...] Am 14. Juli feierte die Schwesternschaft das 25-jährige Ordensjubiläum der Ib. Schwester M. Clara. Wenn auch die Zeit nicht danach ist, Feste zu feiern, so haben wir doch allen Grund, einen herzlichen Dank dem lieben Gott zu sagen. [...]

Kochschülerinnen des Ida-Stifts um1941/42

Unter Gebet und Arbeit und während es Fliegeralarms so manche Stunde vor dem Tabernakel  gingen Sommer und Herbst dahin. Am St. Andreastage, dem 29. November, konnte die kleine Schwesterngemein­schaft ein herzliches Te Deum sprechen für den gnä­digen Schutz bei Fliegeralarm. Ein Blindgänger der Flak fiel in die Waschküche, zertrümmerte Waschfäs­ser, einen Schrank, die Tür und die Fensterscheiben der ganzen Westfront des Hauptgebäudes mit Aus­nahme der Kapellenfenster. Die Schwestern kamen mit dem Schrecken davon. Möge auch fernerhin die Gemeinde vor größerem Schaden bewahrt bleiben. Am zweiten Weihnachtstage war im Kirchenraum Gottesdienst für etwa 100 italienische Gefangene, das hl. Opfer wurde von einem italienischen Geistli­chen zelebriert.

1944 – Priestersoldaten waren in den Lazaretten tätig

Der schreckliche Krieg geht weiter. Wie lange noch? Die Not wird immer größer. Der Krieg fordert immer mehr Opfer. Da Herrn Rektor van Heyden als Wehrmachtspfar­rer die Seelsorge der Verwundeten in den drei großen Lazaretten in Dorsten übertragen war, konnte er sich nicht mehr so viel um seine Gemeinde kümmern. [...] Die Kriegswirren und Nöte wurden immer größer. Am 19. Dezember wurde von der NSDAP der Kir­chenraum beschlagnahmt. Da unsere Bonifatiuskir­che durch Bomben beschädigt war, lehnten wir ab mit der Begründung, dass Kirchenraum und Kinder­garten für den Gottesdienst benutzt würden. Täglich feierte dort Herr Rektor das hl. Opfer. Oft wurden wir gestört durch die feindlichen Flieger, besonders Tiefflieger, die jetzt unser Gebiet wegen der heran­nahenden Front bei Tag und Nacht überflogen. Da mehrere Priestersoldaten als Sanitäter in den Dorstener Lazaretten tätig waren, hatten wir auch nachmittags und abends heilige Messe. [...] Die Partei verlangte das Gebiet zu evakuieren. Nach Weihnachten war auch an einen geregelten Unterricht nicht mehr zu denken, da die Fliegerangriffe immer schlimmer wurden. Am Schluss des Jahres konnten wir dem lieben Gott danken, dass er uns vor noch größerem Schaden bewahrt hatte.

Eine Seite aus der Chronik des Jahres 1945

1945 – Einquartierung des Stabs „Westfalenwall“ mit 40 Schanzmädchen

Mit bangem Herzen begannen wir das neue Jahr, aber wir vertrauten weiterhin auf Gottes Schutz. – Am Sonntag, dem 7. Januar, gegen Mittag wurden der Kindergarten und die Sakristei beschlagnahmt. Wir protestierten gegen die Beschlagnahmung der Sakristei und gaben dafür das Sprechzimmer ab. Dort war die Geschäftsstelle für den Stab des Westfalenwalls, wo Gauleiter Meyer von Müns­ter und die Kreisleiter Auras von Recklinghausen und Schmidt von Stadtlohn tagten. Als Dresden ausgebombt war, kam der Stab von Dresden nach hier. Alles Mobiliar des Kindergartens wurde in die evangelische Kirche gebracht. 60 Schanzmädchen nahmen bei uns Quartier. Es schliefen vier auf zwei Stroh­säcken. Das erste Mal wurde von ihnen ausgerechnet am „Sonntag“ geschanzt und zwar in der Nähe des Freudenberges. Da die Mädchen bei dem feuch­ten Wetter bei Schnee und Eis, Wind und Regen schanzen mussten und ihnen die nötige Pflege fehlte, erkrankten verschiedene schwer, die aufs Revier kamen. Die Führerinnen waren ratlos und holten sich Schw. Dosithea zur Pflege. Dazu kam eine Verdreckung und Verlausung.

Im Februar kamen mittags auf einem Kohlenauto drei Schwestern aus Keppeln mit zwei alten gebrechlichen Frauen – auf Krücken gestützt – an. Sie waren aus dem Frontgebiet ausgewiesen. Da die Geschäftsstelle des „Westfalenwalls“ unser Krankenzimmer auch noch beschlagnahmen wollte, stellte uns Dr. Bürgel seine Höhensonne zur Verfü­gung, damit wir Bestrahlungen geben konnten. Dr. Bergmann und auch Dr. Bürgel protestierten gegen die Besetzung des Zimmers, weil es unbedingt für die Krankenpflege gebraucht wurde. Am 5. März war die Front bis Wesel vorgerückt, so erzählten uns vier Soldaten, die ihre Einheit verloren hatten und zu Fuß von Kevelaer gekommen waren. Holsterhausen wurde von Soldaten belegt. In den Straßen standen die Feldküche, viele Autos und ab­gekämpfte Panzer. Am 9. März wurde das Verbandszimmer und der Kir­chenraum für 100 Holländer beschlagnahmt, die am Tage vorher zum Schanzen nach hier verschleppt worden waren. [...]

Nachmittags gab es Angriffe über Angriffe, so dass die Fastenpredigt ausfiel

Am 10. März, es war gegen Mittag, als wir im Garten säten und pflanzten, gab es einen Angriff auf Dorsten. Der Bunker bei den Franziskanern wurde getroffen. Am 11. März war morgens Ruhe. Der Sonntagsgottes­dienst konnte ungestört stattfinden, aber nachmittags waren Angriffe über Angriffe, so dass die Fastenpre­digt ausfiel. Am 12. März. wurde ein Transportzug an der Holtstegge schwer bombardiert. Schw. Dosithea half, wo sie helfen konnte. Herr Rektor und P. Hövekamp spen­deten den Schwerverwundeten die hl. Sakramente. Bis abends waren 71 Tote und 80 Verwundete geborgen [siehe Geschichte: Bombardierung eines Soldatenzugs an der Holtstegge].

An demselben Abend wurde unser Kirchenraum ausgeräumt. Ein holländischer Arzt, der von einer Krankenvisite aus zum Schanzen mitverschleppt war, sagte leise zu uns: „Wo rohe Kräfte sinnlos wal­ten, da kann sich kein Gebild entfalten!“ und als er einer Schwester das Altarkreuz gab, raunte er uns zu: „Das Heilige räumt den Platz dem Bösen und alle Laster werden frei.“ In der kommenden Nacht waren viele Holländer ausgerückt. Am Tag und in der Nacht kam Auto über Auto bei uns an mit allen möglichen Sachen und Lebensmitteln. Kirchenraum und Kindergarten wurden jetzt Verpflegungsdepot. Die restlichen Holländer wurden in der evangeli­schen Kirche untergebracht. Am Donnerstag, dem 15 .März, wurde die Gartenstraße mit Teppichbomben [einem Bombenteppich] belegt. Der Angriff forderte vie­le Opfer, so auch eine junge Mutter, deren Kind am morgen getauft worden war. Mit ihrem Leibe schütz­te sie ihren kleinen Hans-Dieter, der am Leben blieb, den uns Herr Rektor mit seinem Schwesterchen Ursula brachte und der ein viertel Jahr bei uns blieb. Viele waren obdachlos geworden und suchten bei uns Herberge. Wir waren aber durch die NSDAP so eingeschränkt, dass nirgendwo mehr Platz war. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter Schwarz verweigerte den Armen Obdach im Kindergarten. Essen und Trinken gaben wir ihnen gerne. Was Küche und Keller bot, holten wir heraus.

Wir sahen die Türme der altehrwürdigen Kirche von St. Agatha wanken

Die Not wurde immer größer und drückender. Da am 18.  März neben dem Rektorat eine große Bombe niedergegangen war und die Kirche und das Rektorat schwer beschädigt hatte, fiel der Gottesdienst um 10 Uhr aus. Am 22. März war auf Dorsten ein schwerer Angriff. Es gab furchtbare Detonationen und schreckliche Brände. Ein Bild des Schreckens. Uns blutete das Herz, als wir die Türme der altehrwürdigen Kirche von St. Agatha wanken sahen. Nichts hatte dort standgehalten. Unter den Trümmern lagen die vielen Toten Dorstens begraben. Nur ein paar zerlumpte und verstörte Übriggebliebene kamen in Holsterhau­sen an. Auch die Ursulinen und Kreuzschwestern hatten alles verloren und suchten Unterkunft bei uns Schwestern. [...]

Die Bombardements nahmen von Tag zu Tag zu.

Dann kamen furchtbare Tage. Am 24. März sind wir fast Tag und Nacht im Keller gewe­sen. Viele Bomben fielen in nächster Nähe. Aufgeregte Menschen zogen in Trecks fort. Die Koloniebewohner flohen zum Freuden­berg in die Wälder, und wir harrten der Dinge, die da kommen sollten. Unser Haus erzitterte von den Einschlägen der Bomben und Granaten, das Dach war ganz verschoben, die Scheiben klirrten. Morgens um 1/2 4 Uhr schlug eine schwere Bombe ganz nahe am Rektorhaus ein und mehrere Phosphorkanis­ter brannten an der Chorwand der Kirche ab. Gott sei Dank konnte das Feuer gelöscht werden. Ein unvergesslicher Palmsonntag. Am Nachmittag kamen unsere treuen Italiener, die jeden Samstag unsere beste Hilfe auf dem Land und im Hause waren. Am 26. März grasten die „Jabos“ [Jagdbomber] ununterbrochen Holsterhausener Gebiet ab und warfen Bomben auf die Baldurschule und die Hein­richstraße. Zu unserem Entsetzen richtete sich die Flak von Drevenack mit 5 Drillingen hinter unserem Hause auf dem Land wohnlich ein. Doch schon am andern Abend verließen sie fluchtartig ihre Stellung. Jetzt erst wussten wir, dass der Feind in der Nähe war. Drei Verletzte wurden bei uns eingeliefert. Nirgend­wo wussten die armen Soldaten Hilfe zu finden. Die Lazarette waren alle aufgehoben. Ein Soldat war schwer verwundet. Ein Lungenflügel hing in Fetzen aus einer großen, klaffenden Wunde. Schw. Oberin und Schw. Dosithea leisteten die erste Hilfe. [...]

Ununterbrochen rollten Panzer über die Pliesterbecker Straße

Die Gestapo, die SS- und SA-Männer in unserem Hause waren sehr verstört. Man merkte ihnen an, dass die Gefahr für sie sehr nahe sein musste. Die „Flüsterpropaganda” berichtete von der Front in Schermbeck und Kirch­hellen. Auf einmal rollten zwei LKW bei uns an. Die Braunen verstauten darauf, was sie in ihrer Not und Angst eben konnten und räumten das Feld. Späh­trupps wollte man gesehen haben. Der Ortsgruppen­leiter Berken hatte auf dem großen Bunker in H.-Dorsten die weiße Flagge hissen lassen; auch in der Kolonie sah man weiße Fahnen. Die braune Schwes­ter ließ ihre Wohnung im Stich und verschwand. Der Ortsgruppenleiter Schwarz beantragte die SS für Holsterhausen. Sie sollten die Fahnen herunterholen. Eine furchtbare Nacht mit schwerem Ariebeschuss [Artillerie] setzte ein. Wir verbrachten die Nacht im Keller. Dann kam der Mittwoch vor Gründonnerstag. Wir atmeten auf, als gegen 1/2 6 Uhr morgens ununter­brochen die schweren Panzer der Amerikaner über die Pliesterbecker Straße rollten. Es war der 28. März 1945. Alle Häuser hissten die weiße Flagge. Wir steckten die Rotkreuz-Fahne aus. Trotz Kanonendon­ner und anrollender Panzer verließ Schw. Dosithea mutig das Haus, um einer schwer erkrankten Frau Beistand zu leisten. [...]

Die Amerikaner durchsuchen das Gelände nach deutschen Soldaten. Mit schweren Karabinern gehen sie von einem Loch zum andern. Unsere armen deutschen Soldaten standen in langen Reihen mit hoch gehobenen Armen auf der Borkener Straße. Sie gingen nun dem schweren Schicksal der Gefan­genschaft entgegen. Von den Spitzen der NSDAP, Schwarz, Hölle, Pöther usw. war keiner mehr da. Fluchtartig waren alle verschwunden. Der nächste Tag war der Gründonnerstag. Viele kamen zu uns zur hl. Messe. Dann setzte ein furchtbarer Ariebeschuss ein. Wir suchten Schutz im Keller und als es eben möglich war, gingen wir zum Schwes­ternhaus. Wie sah es dort aus. Die Scheune war fast ganz zerschossen, die Nordwand des Hauses war beschädigt, die Fenster und Türen kaputt und alles voll Splitter und Schmutz. Aber Schw. Oberin und der kleine Hans-Dieter lebten. Sie waren mit einem großen Schrecken davon gekommen.

Die Kreuzschwestem halfen uns bei allen Arbeiten, draußen, in der Krankenpflege und im Hau­se. Nachmittags wurde durch das Volk das Lager in unserem Kindergarten gestürmt, ebenso die evange­lische Kirche, das Kommissariat und Paton. Unser Haus sah wie eine Räuberhöhle aus.  Dann kam der Karfreitag. Um 10 Uhr war die Litur­gie in der Kirche. Dann setzte wieder Ariebeschuss ein, wieder von der deutschen SS, die in der Hardt Deckung gefunden hatte. Nachmittags um 3 1/4 Uhr war Kreuzwegandacht. Immer mehr Amerikaner rückten heran. Darum mussten die Bewohner der Parallelstraße, der Zeppelinstraße und vom Söltener Weg ihre Wohnungen räumen. Als Herr Borheyer mit seiner kranken Frau aus dem Bunker kam und seine beschlagnahmte Wohnung erblickte, bekam er einen Herzschlag und war gleich tot.

Bernhard van Heyden war für kurze Zeit erster Bürgermeister im Nachkriegs-Holsterhausen

Alles um uns lag in Trümmern

Karsamstag, den 31. März, war morgens um 6 Uhr Beginn der feierlichen Liturgie. Es war unheimlich, in aller Frühe durch die Straßen zu gehen, da Hols­terhausen von Schwarzen besetzt war. An offenen Feuerstellen auf den Straßen, Wiesen und Feldern und sofort bei der Kirche, wo sie eine Flakstellung eingerichtet hatten, wärmten sie sich. Feierliches Festgeläute klang aus der Dorfkirche zu uns herü­ber, als wir gerade die herrliche Taufwasserweihe feierten. Der Sonnabend brachte noch mehr Aufre­gungen. Die SA-Straße, jetzt Freiheitsstraße, und die Horst-Wessel-Straße, jetzt Idastraße, mussten ge­räumt werden. Zu uns ist niemand wegen Räumung gekommen. Die Krankenschwester ging immer mit einer Armbinde mit dem Roten Kreuz aus. [...] Alles um uns lag in Trümmern, Dorsten beklagte über 1000 Tote [Es waren 319 Tote; der Herausgeber] und hatte keine Kirche mehr. Unsere kleine Opferstätte stand, wenn sie auch arg beschädigt war, aber wir hatten ja noch ein Got­teshaus.

Am Mittwoch brachte uns der amerikanische Feld­geistliche Ralph Schenk SJ in einem Kissenbezug Opfer- und Altargeräte aus der zusammengeschosse­nen Pfarrkirche zu Büderich, die zum Teil sehr be­schmutzt waren. Ein Messkelch, eine Monstranz, drei Zibori­en, die hl. Ola, Aspergyl und Hostienschachtel. Die Sachen sind später dorthin zurückgekommen. In Holsterhausen ging alles drunter und drüber. Um in etwa Ruhe und Ordnung zu bekommen, machte die Militärbehörde Herrn Rektor [Bernhard van Heyden] zum Bürgermeister, der sich zwar erst weigerte, dann aber die Wahl im Interesse der Bevölkerung annahm. Das Amt brachte für uns Schwestern viel Arbeit mit, da wir ja Herrn Rektor helfen mussten.

Frieden – zum Jahresschluss konnten wir ein frohes Te Deum singen

Die Arbeit in unserem Hause wuchs immer mehr. Der Kindergarten war nach Ostern wieder eröffnet worden. Wir waren die einzige Hostienbäckerei im weiten Umkreis. Schw. Luzina war im April zur Behandlung ihres Kopfleidens zum Mutterhaus be­rufen worden. Da kein Ersatz kam, übernahm Schw. Suitberta diese Arbeit. Schw. Dosithea hatte in der Krankenpflege viel zu tun, da die Krankenhäuser meist alle bombardiert waren. [...] So ging das Jahr, das mit so großen Sorgen begann, ruhig zu Ende. Hatten wir auch viel erlebt, so hatte uns der liebe Gott doch vor größerem Schaden be­wahrt. Wir konnten nun ein friedliches Weihnachts­fest feiern, wenn auch in der weiten Welt noch kein Friede war. Am Jahresschluss konnten wir dem lieben Gott, der uns aus aller Not errettet hatte, ein frohes Te Deum singen.

 

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