Dorstener Schulen erinnern an deutsche Widerstandskämpfer: Geschwister Scholl, Erich Klausener und Dietrich Bonhoeffer – Sie bezeugten ihre Unbeugsamkeit mit ihrem Leben

Pliesterbecker Schulzentrum mit der Dietrich-Bonhoeffer-Hauptschule und der Erich-Klausener-Realschule; Foto: Walter Biermann

Von Wolf Stegemann

Die Namen von drei Schulen in Dorsten erinnern an die jungen Geschwister Scholl, den Politiker Dr. Erich Klausener und den Theologen Dietrich Bonhoeffer, die im Dritten Reich ermordet wurden. Eine weitere Schule, die Förderschule für Sprachbehinderte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, hat 1992 die Schule im Stadtfeld nach Raoul-Wallenberg benannt. Der schwedische Diplomat Wallenberg hat von 1944 bis zum Kriegsende mehrere tausend Juden vor der Verschleppung in Konzentrationslager und damit vor dem sicheren Tod bewahrt. Die von ihm ausgestellten Schutzpässe wurden von den deutschen Behörden und der ungarischen Verwaltung respektiert. Wallenberg organisierte so genannte Schutzhäuser, eine Feldküche und Krankenhäuser. In den letzten Kriegstagen ist er nach Verhandlungen mit der Roten Armee in sowjetische Gefangenschaft geraten und seitdem verschwunden. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt.

Erinnerungssäule von Tisa von der Schulenburg für die "Weiße Rose" 1957

Geschwister-Scholl-Hauptschule, Hardt

Zur Erinnerung an die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gestaltete die Dorstener Künstlerin Tisa von der Schulenburg, deren Bruder Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg als Beteiligter am Attentat gegen Adolf Hitler 1944 hingerichtet worden war, eine 3,60 Meter hohe Erinnerungssäule. Sie wurde mit Eröffnung der Geschwister-Scholl-Hauptschule auf der Hardt 1973 aufgestellt. Von unten nach oben ablesbar lässt sich die historische Entwicklung verfolgen, die zum Aufstand der jungen Menschen gegen die Hitler-Tyrannei führte: Arbeitslosigkeit, Kriegszeit, Not, Elend, Tod, KZ-Häftlinge. Der Text:  „Es lebe die Freiheit“. Mit etlichen Projekten widmeten und widmen sich die Schüler und Schülerinnen dem Widerstand der „Weißen Rose“ gegen das verbrecherische NS-Regime. Bei den Geschwistern Scholl handelt es sich nach üblicher Sprechweise um Hans und Sophie Scholl. Beide wurden bekannt als Mitglieder der „Weißen Rose“, einer in ihrem Kern studentischen Münchner Gruppe, die während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war, insbesondere bei der Verbreitung von Flugblättern gegen den Krieg und die Diktatur unter Adolf Hitler.

Sophie Scholl-Briefmarke 1964

Im weiteren genealogischen Sinn waren es fünf Geschwister: Inge (1917–1998), Hans (1918−1943), Elisabeth (*1920), Sophie (1921–1943) und Werner Scholl (1922–1944), deren Herkunftsfamilie bis 1930 in Forchtenberg, von 1930 bis 1932 in Ludwigsburg und ab 1932 in Ulm lebte.

Das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl wurde am 18. Februar 1943 beim Auslegen von Flugblättern in der Münchner Universität von deren Hausmeister Jakob Schmid überrascht und bei der Gestapo denunziert. Bereits am 22. Februar 1943 wurden sie vom Volksgerichtshof unter der Leitung von Roland Freister zum Tod verurteilt und noch am selben Tage im Gefängnis München-Stadelheim mit der Guillotine enthauptet. Ihr Grab befindet sich auf dem dortigen Friedhof am Perlacher Forst (Grab Nr. 73-1-18/19).

Hans und Sophie Scholl gelten seit der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart als bedeutende Symbolgestalten eines an humanistischen Werten orientierten Widerstands innerhalb Deutschlands gegen das totalitäre NS-Regime.

Pliesterbecker Schulzentrum, Holsterhausen

Im Jahre 1985 veröffentlichten die beiden in einem Gebäude an der Juliusstraße/Pliesterbecker Straße untergebrachten Schulen in ihrer Pausenhalle eine Ausstellung, in der sie ihre erarbeiten Dokumente über ihre Namensgeber zeigten. Bei der feierlichen Eröffnung kam als Ehrengast der Sohn Erich Klauseners, Domkapitular E. Klausener, von Berlin nach Holsterhausen.

Dr. Erich Klausener

Erich-Klausener-Realschule

Der Namensgeber der Erich-Klausener-Realschule war Berufsbeamter. Im Zuge der Röhm-Affäre, als die Nationalsozialisten unter persönlicher Führung des Reichskanzlers Adolf Hitler seinen alten Kampfgefährten, SA-Stabschef Röhm, und viele seiner hohen Führer in Tegernsee und München-Stadelheim ermorden ließen, brachten sie zugleich in Berlin andere politisch unbequeme Politiker, Militärs und Kirchenleute um, darunter Erich Klausener.

Die Kindheit verbrachte Erich Klausener in Düsseldorf, wo er 1885 geboren wurde. Er studierte Jura, kämpfte im Ersten Weltkrieg als Leutnant bei den Ulanen, heiratete, wurde 1917 schon Landrat in Adenau in der Eifel, zwei Jahre später kam er nach Recklinghausen, wo er fünf Jahre lang wirkte und sich den Beinamen „sozialer Landrat“ verdiente, wie die „Recklinghäuser Zeitung“ schrieb.

Dr. Klausener setzte die Neugestaltung der Behindertenfürsorge durch, die soziale Fürsorge für Kriegsbeschädigte, schuf Kinderheime zur Tuberkulosebekämpfung und förderte die Verkehrsverbindungen im Vest, u. a. auch die Straßenbahnanbindung von Dorsten nach Marl, begründete die landwirtschaftlichen Schulen in Horneburg und Dorsten sowie die Kreissparkasse Recklinghausen mit Zweigstellen in Dorsten und Datteln. Bei der Ruhrbesetzung durch Franzosen und Belgier leistete der Landrat Widerstand, wurde verhaftet und aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen.

Erich Klausener-Briefmarke 1984

1924 ging Klausener ins preußische Wohlfahrtsministerium nach Berlin, zwei Jahre später wurde er Leiter der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium. Da die 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten keine Handhabe hatten, ihn zu entlassen, versetzten sie ihn im selben Jahr in die Schifffahrtsabteilung des Reichsverkehrsministeriums. Dr. Klausener organisierte als Vorsitzender der Katholischen Aktion u. a. katholische Großkundgebungen und Abwehrmaßnahmen gegen antireligiöse und antikirchliche Agitation. Nach anfänglicher Unsicherheit, wie er das Nazi-Regime einzuschätzen hatte, verteidigte er kämpferisch die Rechte der Kirche und kritisierte unerschrocken den Nationalsozialismus. Im Zuge der „Röhm“-Morde entledigten sich die Nazis auch des unbequemen katholischen Ministerialbeamten. Auf Befehl des preußischen Innenministers Hermann Göring drang am 30. Juni 1934 ein SS-Kommando am helllichten Tag in das Dienstzimmer von Klausener ein und erschoss ihn. Der Mord sollte anschließend als Selbstmord hingestellt werden, was allerdings nicht gelang.

Dietrich-Bonhoeffer-Hauptschule

Die Hauptschule im Pliesterbecker Schulzentrum ist nach dem evangelischen Theologen Dr. Dietrich Bonhoeffer benannt, der im Widerstand gegen Hitler stand und noch am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde

Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer war als Seelsorger und Theologe eine der führenden Gestalten des deutschen Widerstands. Er wurde 1906 als Sohn eines bekannten Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und ging nach seinem Theologiestudium 1931 als Studentenpfarrer nach Berlin. Nach der Machtergreifung Hitlers setzte er sich zunächst nach London ab. Darum gebeten, kehrte er 1935 nach Deutschland zurück, um das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde zu übernehmen. Er lehnte offiziell die Rassenlehre ab und verhalf Juden zur Flucht. 1940 wurde Bonhoeffer zur Wehrmacht eingezogen und arbeitete in der Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht unter Admiral Canaris. Bei Auslandsreisen nach England, in die USA und nach Schweden unterbreitete er im Auftrag deutscher Widerstandskreise (Oster, Canaris, Beck) Friedensvorschläge, die allerdings vom britischen Außenministerium abgelehnt wurden. Dietrich Bonhoeffer geriet in den Verdacht von Gestapo und Sicherheitsdienst. 1943 wurde er wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Als das Attentat vom 20. Juli 1944 misslungen war, verlegte man Bonhoeffer zunächst nach Buchenwald und dann in das KZ Flossenbürg, wo er am 9. April 1945 zusammen mit Admiral Canaris und General Oster hingerichtet wurde.

In Erinnerung behalten

Beide Schulen im Pliesterbecker Schulzentrum in Holsterhausen haben diese Männer des deutschen Widerstands zu ihren Namenspatronen gewählt, wie die Dorstener Bekenntnishauptschule die Geschwister Scholl. Damit wird der schmerzhafte Widerstand von Dietrich Bonhoeffer, Erich Klausener und der Geschwister Scholl vor allem bei der Jugend in steter Erinnerung gehalten.

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