Dorstener verwüsteten die Synagoge in der Wiesenstraße – Verführte Jugend

"Brennende Synagoge", Rohrfederzeichnung von Tisa von der Schulenburg 1962

9. November 1938. In Deutschland brannten die Synagogen. Zwei Tage zuvor war der 17-jährige Herschel Grynszpan (Grünspan) in die Pariser deutsche Botschaft eingedrungen und hatte im Glauben, den deutschen Botschafter vor sich zu haben, den Legationssekretär Ernst vom Rath niedergeschossen. Mit dieser Tat wollte er sich dafür rächen, dass Ende Okto­ber 17.000 in Deutschland lebende polnische Juden, darunter auch seine Eltern, über die polnische Grenze abgeschoben worden waren. Am 9. November erlag der deutsche Diplomat seinen schweren Verletzungen.

Die Kurzschlusshandlung des jungen Juden kam den Scharfmachern in der NSDAP sehr gelegen. Propagandaminister Goebbels stellte am Abend jenes 9. November in einer Rede vor »Alten Kämpfern« in München das Verbrechen als eine gelenkte Aktion des internationalen Judentums gegen den natio­nalsozialistischen Staat hin und hetzte zu »spontanen« Gegenaktionen auf. SA-Kolonnen, begleitet von HJ und Mädchen des BDM, setzten sich daraufhin im Reich in Bewegung.

„Jeder Wurf wurde mit Gejohle quittiert“

Friedhelm Potthoff, damals gerade neun Jahre alt, erinnerte sich noch genau an die Verwüstung der Dorstener Synagoge in der Wiesenstraße. Er und seine Schwester wohnten nämlich in dem der Synagoge ange­bauten Nachbarhaus:

„Es war am Spätnachmittag des 9. Novem­ber 1938. Draußen dunkelte es bereits. Plötzlich drang Lärm von der Straße in unsere Wohnung. Ich rannte zum Fenster und sah ungewöhnlich viele Menschen in Uniform, die in den Händen Brandfackeln hielten und vor unserem Haus an der Ecke Wiesenstraße/Nonnenstiege standen. Im Schein der Fackeln konnte ich viele bekannte Dorstener Gesichter erkennen, meist Jugendliche in HJ- oder BDM-Uniform. Angeführt wurde der Haufen von SA-und SS-Männern. Aber auch Zivilisten befanden sich dabei. Die etwa 25-köpfige Horde teilte sich. Während einige in das Haus eindrangen, standen andere am offe­nen Hof zur Nonnenstiege und sahen zu den Fenstern der Synagoge hinauf. Sie grölten, sangen und pfiffen.

Im jüdischen Gemeindehaus, in dem sich die Synagoge befand, wohnte der 74-jährige Viehhändler Josef Minkel mit seiner 22-jähri­gen Tochter Hertha und seinem 27-jährigen Sohn Emanuel. Der alte Minkel starb Monate später, und die Tochter wanderte danach über Holland nach England aus.

Die Randalierer stürmten die Treppe zur Synagoge hoch. Durch den Anbau unseres Hauses konnten wir von unseren Fenstern direkt in die Synagoge sehen. Was sich dort abspielte, war schlimm. Da das Haus in die Häuserzeile der Wiesenstraße eingebaut und zudem sehr alt war, konnten die mitge­brachten Fackeln zur Brandstiftung nicht benutzt werden. So beschränkten sich die Zerstörer auf die Verwüstung der Synagoge.

Wir erschraken, als plötzlich Mauerbrocken und Fenster samt Rahmen mit großen Vor­schlaghämmern herausgeschlagen wurden. Die Uniformierten schlugen in der Synagoge alles kurz und klein und warfen die zerbro­chenen Stühle und die sakralen Gegen­stände durch die Fensterlöcher auf den Hof zur Nonnenstiege hinunter. Jeder Wurf wurde mit einem Gejohle quittiert.

Da zwei der vier Synagogenfenster über unserem mit Glas überdachten Innenhof lagen, beschädigten die hinausgeworfenen Gegenstände dieses Glasdach, unter dem sich früher die Feuerungsanlage unserer Bäckerei befand. Ich weiß noch, dass Mutter eine Menge Lauferei zum ,Braunen Haus’ hatte, um den Schaden ersetzt zu bekom­men. Nachdem sämtliches Synagogen-Inventar auf dem Hof lag, schleppten es die Täter auf den nahen Marktplatz. Direkt vor dem alten Rathaus, wo früher eine Pumpe stand, warfen sie es auf einen Haufen und zündeten ihn an. Während Gebetsbücher, Schriften, die Thorarolle und die sakralen Gewänder brannten, schlugen die Hitlerjungen auf ihre Trommeln, und es gab viel Geschrei. Aus der Gordulagasse kam eine andere Gruppe, die ebenfalls Gegenstände zum Verbrennen anschleppte. Welches Haus oder Geschäft dieser Haufen vorher geplündert hat, kann ich nicht sagen. Inzwi­schen war es völlig dunkel geworden, und man sah noch lange den Feuerschein auf dem Marktplatz leuchten.“

Soweit der Augenzeuge Friedhelm Potthoff.  Ob bei dieser Aktion jüdische Bürger ver­letzt wurden, kann Potthoff nicht bezeugen. Doch liegt die Aussage eines anderen Infor­manten vor, der angibt, dass sich der alte Jude Minkel, der im Hause wohnte, den Ein­dringlingen entgegengestellt haben soll, um die Thora zu verteidigen. Dabei haben ihn die Randalierer blutig geschlagen.

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