Laurenz Schmedding – Auch das Konzentrations­lager konnte den Widerstand des Priesters nicht brechen. Ostarbeiter und Kriegsgefangene fanden bei ihm Trost und Hilfe

Von Wolf Stegemann

„Ihr könnt Euch denken, dass die Flügel der Sehnsucht sich oft ausspannen. Ich möchte mal gerne wieder eine Stunde ganz allein sein. Immer von Hunderten um­geben zu sein, ist schwer zu ertragen und macht müde.“

Laurenz Schmedding in seiner Soutane und in einer orientalischen Verkleidung in Jerusalem.

Der katholische Priester Laurenz Hubert Heinrich Schmedding, der diese Zeilen im September 1944 an seine Schwester schrieb, war vom 19. November 1943 bis zum April 1945 immer von Hunderten umge­ben, die ebenfalls Priester waren, aber auch Politiker, Adelige, Juden, Kriminelle. Sie alle einte die Sträflingskleidung, der Ort und das ungewisse Schicksal im Konzentrationslager Dachau. Mit ihm mögen sich Tau­sende nach etwas Ruhe und Einsamkeit gesehnt haben, nach Freiheit und Lebenssi­cherheit.

Der Geistliche war in Dorsten kein Unbekannter. Hier hatte er viele Freunde. Er wohnte in der Marler Straße Nr. 7, über der Wohnung des Dorstener NSDAP-Ortsgruppenleiters Ernst Heine. Bei den Ursulinen war er Jugendseelsorger, Rektor und Religionslehrer. Er war ein völlig unpolitischer Mensch. Den­noch geriet er schon bald in die Mühlen der Dorstener polizeilichen Beobachtung und Verfolgung, was ihn letztlich in das Konzentrationslager brachte.

Seelsorger für Ostarbeiter und Kriegsgefangene

Laurenz Schmedding wurde am 6. August 1894 in Senden geboren, war von sechs Geschwistern der Älteste. 1920 zum Priester geweiht, schickte ihn schon ein Jahr später sein Bischof zum Erlernen der polnischen Sprache nach Polen, um ihn anschließend im Ruhrgebiet als Seelsorger für polnische Bergarbeiter einzusetzen. Nach dreijähriger Dienstzeit als Kaplan in Gladbeck kam er 1925 zum Gymnasium St. Ursula nach Dor­sten.

Als die Deutschen das Millionenheer der Ost- und Zwangsarbeiter zur Sklavenarbeit ins Reich holten, fanden die, die in Dorsten arbeiten mussten, sei es bei Bauern, in der Eisengießerei, in der Zeche oder in der Muna, Rat und Trost. Hoffnung und Hilfe bei Schmedding, der ihre Sprache verstand. Obwohl Schmedding im gleichen Haus wie Ortsgruppenleiter Heine wohnte, „taten sich die beiden nichts“, wie die in Warendorf lebende Schwester des Priesters und die in Kassel als Ehefrau eines evangeli­schen Pfarrers lebende Tochter des Ortsgruppenleiters übereinstimmend berichteten. Im Rahmen des Möglichen fanden Priester und NS-Führer zu einem „guten Verhältnis“.

Schmedding suchte und fand Zugang zu den Ostarbeitern, Polen, Russen oder kriegsgefangenen Jugoslawen, die in den Lagern in und um Dorsten ein schlimmes Dasein führ­ten. Er betreute sie seelsorgerisch, gab ihnen zu essen und half auch medizinisch aus. Da dies streng verboten war und Schmedding Hilfe in seiner schlichten, offenen Art gewährte, blieb sein Tun den Behörden nicht verborgen. Er wurde mehrmals von der Polizei verwarnt und musste zusammen mit Pfarrer Schön (Hervest) sogar 600 Mark Strafe zah­len. Viel Geld in der damaligen Zeit. Seine Schwester Anne: „Ich habe das Geld über­wiesen.“ Auch sein damaliger Freund, Theo Elsenbusch, zahlte einmal 100 Mark für Schmedding an die Gestapo.

Keine Hakenkreuzfahne neben dem Altar

Die BDM-Führung in Dorsten biss sich die Zähne an ihm aus. Schmedding war nicht bereit, seine Ursulinen-Mädchen für den Bund Deutscher Mädel (BDM) zu erwär­men. Er lehnte es auch ab, die Hakenkreuzfahne neben dem Altar in der Ursulinenkirche aufzuhängen. Da waren andere Pfarrer in Dorsten den Nazis schon entgegenkom­mender. Beispielsweise war in der evangeli­schen Kirche in Holsterhausen die Hakenkreuzfahne für eine kurze Zeit das Altartuch. Und auch in St. Agatha standen zu bestimmten Anläs­sen Hakenkreuzfahnen. „In meiner Kirche“, so Schmedding, „wer­den nur geweihte Fahnen aufgehängt.“

Zwischenzeitlich wurden die Gestapo-Akten in Recklinghausen und Münster immer umfangreicher, so dass ihn sein Bischof aus der Dorstener Schusslinie abzie­hen musste. Laurenz Schmedding wurde Lehrer im Pensionat Gaesdonk am Nieder­rhein. Nach Auflösung des renommierten Internats (die SS wollte dort eine Ordens­burg einrichten, das Militär kam mit einem Lazarett zuvor) kam er nach Dorsten zurück. Hier half er wieder den gepeinigten Ukrainern und Polen, Russen und Jugosla­wen, hielt geheime Bibelstunden ab und gab einem sterbenden Ukrainer die Sakramente. Bei der späteren polizeilichen Vernehmung sagte der Gestapo-Beamte zu ihm: „Die Ukrainer haben keine Seele.“

Dass Schmedding beobachtet wurde, störte ihn offensichtlich nicht. Aufgrund von vorliegenden Anzeigen gegen ihn, die Dorste­ner Bürger bei der Gestapo machten, wurde Schmedding mehrmals vorgeladen. Orts­gruppenleiter Heine bekam Wind davon und warnte ihn, wenn wieder Anzeigen vorla­gen.

Dem Regime waren auch die vielen Jugend­reisen, die Schmedding als Heliand-Führer organisierte, ein Dorn im Auge. Waren vor der Verstaatlichung der Schule von 424 Ursulinen-Mädchen nur neun im BDM orga­nisiert, so schlug das Pendel nach der Verstaatlichung und unter Leitung der NS-Schulleiterin und Parteigenossin Dr. Fran­ziska Radke um. Dr. Radke ging schon bald nach ihrer Amtsübernahme in die Klassen, fragte nach, wer nicht im BDM sei, und for­derte die Schülerinnen auf, unverzüglich in den BDM einzutreten und ihr umgehend Vollzugsmeldung zu erstatten.

Obwohl Jugendreisen verboten waren, fuhr Schmedding mit einer Klasse Ursulinen-Schülerinnen im August 1943 nach Marien­thal. Die Klasse teilte er in kleine Gruppen, damit sie nicht auffielen. Am Bahnhof Dre­venack stürmte eine Gruppe jugoslawischer Zwangsarbeiter auf Schmedding zu, die ihn kannten, weil er ihnen schon geholfen hatte. Der Wachposten ging dazwischen, die Mäd­chen lachten ihn aus. Das war dem Soldaten zuviel, er beschlagnahmte die Aktentasche und die Papiere, die Schmedding mit sich führte.

Vom Gefängnis in Münster ins KZ Dachau

Brief seiner Schwester an Schmedding ins KZ Dachau

Zwei Tage später, am 6. August 1943, seinem Geburts- und Namenstag, wurde Laurenz Schmedding zur Gestapo in Münster vorge­laden, verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Er teilte die Zelle mit dem 70 Jahre alten frü­heren Chefredakteur des Westfälischen Merkur, Coenen, und einem französischen Rechtsanwalt. Die Bombardierung Mün­sters am 10. Oktober 1943, bei der auch das Gefängnis getroffen wurde, überlebte Schmedding nur, weil er sich in den Türrah­men der Zelle stellte. Aus dem Dunkel und dem Staub der Zelle klang der Hilferuf eines Franzosen: „Monsieur l’Abbe!“ Schmed­ding wollte einen Schritt nach vorne treten und stürzte vom vierten Stock in den Keller. Er hatte Glück.

Verletzt musste er mit anderen Überleben­den quer durch Münster zum Zuchthaus lau­fen. Von dort kam er am 19. November in das Konzentrationslager Dachau. Seine Gefangenennummer war 58.284. Im so genannten Priesterblock gehörte er der Putzkolonne und der Gärtnerei an. Auch im Konzentrationslager war er derjenige, der vielen Mitgefangenen, unter ihnen Preußenprinz Friedrich-Leopold, Trost und Hilfe durch seinen Humor spendete. Tiefe Freundschaften verbanden ihn bis zu seinem Tode mit vielen ehemaligen Mitgefangenen. Er leistete auf seine unbekümmerte Art Widerstand. Er versteckte in seiner Stube, in seinen Sachen, die abgeschriebenen „Reden gegen das Regime“ des Jesuiten-Paters Lenz (Wien), der vom Dezember 1938 bis April 1945 in Dachau einsaß Die Reden wurden entdeckt, doch die Vernehmung ging für ihn glimpflich aus. Schmedding war wegen sei­ner Einfachheit, seiner tiefen Religiosität und nicht zuletzt wegen seiner in tiefem Glauben und Menschlichkeit verankerten Nächstenliebe und Güte beliebt. Schmedding überlebte alle Strapazen und Grausamkeiten des Lagers. Am 10. April wurde er ohne Angabe von Gründen entlas­sen. Als dies bekannt wurde, begegnete ihm der Preußenprinz, der gerade einen Wagen voll Essenstöpfen vorbei schob. Er kniete vor Schmedding nieder und bat: „Geben Sie mir Ihren Segen!“

Über KZ-Erlebnisse stets geschwiegen

Schmedding schwieg über seine Erlebnisse in Dachau bis zu seinem Tod beharrlich. Lediglich seiner Schwester erzählte er manchmal, was er erlebt hatte. Über Salzburg kehrte er zu seinen Geschwi­stern zurück, besuchte einige Male Dorsten und bekam eine Anstellung als Studienrat am Laurentianum in Warendorf. Er reiste viel nach Italien, Frankreich, England und immer wieder ins Heilige Land.

Laurentius Schmedding, der unerschrockene Christ, starb am 21. März 1972 in Warendorf. Zu seiner Beerdigung kamen Kardinal Jäger und alle seine Freunde, dar­unter auch der Dorstener Propst Westhoff. Ein überzeugendes religiöses Leben war erfüllt.

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