Stiefel, Schüsse, Kommandos und Kampflieder bestimmten das Straßenbild – SA, die Sturmabteilung der NSDAP

Von Wolf Stegemann

Mit der »Sturmabteilung der NSDAP« (SA) verbinden sich Namen wie Horst Wessel, Ernst Röhm und Viktor Lutze. Die 1921 als politische Kampftruppe der Partei gegrün­dete SA und die 1925 als Leibwache Adolf Hitlers (ursprüngliche Aufgabe) gebildete »Schutzstaffel der NSDAP« (SS) hatten be­reits Ende 1930 über 100.000 Mitglieder. Da­mit war Hitlers Partei-Armee stärker als die Reichswehr. Das führte unweigerlich zu Konflikten mit der Reichsregierung, die Hit­lers »Partei-Infanteristen« polizeilich über­wachen und zeitweise verbieten ließ. 1934 entmachtete Hitler seine immer stärker wer­denden SA-Führer, indem er in einer Mord­aktion den SA-Chef Ernst Röhm und 150 weitere SA-Führer kaltblütig umbringen ließ.

Die rangältesten SA-Führer

Der Dorstener Arthur Weißenberg (l.) und sein Adjutant Kaspar Laukemper

Für die SA standen in Dorsten die Namen Ernst Weißenberg und als dessen Adjutant Kaspar Laukemper; in Hervest-Dorsten Artur Wagner (Standartenführer der Standarte 8), Obersturmbannführer Schütz, August Ripa (Sturmhauptführer), Sturmführer Ber­ger; in Holsterhausen Bruno Mentzen (Obertruppführer), Conrad Schlüter (Stan­dartenführer); in Wulfen Hermann Roth (Truppführer); in Lembeck Hermann Evers (Truppführer); in Rhade Hans Schünemann (Sturmführer). Sie waren in Dorsten und in den Landgemeinden die rangältesten SA-Führer, die 1934 als »Alte Kämpfer« von Brigadeführer Faßbach Ehrendolche der SA mit der Widmung »Herzliche Kameradschaft« verliehen bekamen.

In Dorsten gab es auch eine „Kaufleute-SA“

Als Adolf Hitler seine alten Kameraden der SA ermorden ließ und bei dieser Aktion in Bad Wiessee selbst zugegen war, erwartete einen Tag zuvor ganz Wulfen den Führer und Reichskanzler. Adolf Hitler wollte das Ar­beitsdienstlager »Ludwig Knickmann« an der heutigen B 58 zwischen Wulfen und Deu­ten besichtigen. Hitler kam nicht, weil er nach Bad Wiessee fliegen musste, um dort wie im ganzen Reich die »Säuberungsak­tion« gegen seine Mitkämpfer und gegen un­liebsame Politiker durchführen zu lassen.

Die braunen Uniformen der SA bestimmten in Dorsten und anderswo das Straßenbild. Im Zuge der »Gleichschaltung« der Vereine und Verbände traten zuerst die Kriegerver­eine geschlossen in die SA-Reserve 2 (SA-R 2) ein. Es folgten Reitervereine, Spielmanns­züge usw. Die SA gliederte sich in Gruppen, Brigaden, Standarten, Sturmbanne und Stürme. Nach je besonderen Aufgabengebieten unterschied man Nachrichten-. Pio­nier-, Sanitäts-, Reiter- und Marineeinhei­ten. Oberster SA-Führer war Adolf Hitler, dem ein »Stabschef der SA« zur Seite stand. Der Eintritt in die SA erfolgte später grund­sätzlich von der HJ aus. »In Dorsten hat es auch eine »Kaufleute-SA« gegeben«, meint ein Zeitzeuge und kommentiert: »Es war ein Hono­ratioren-Club.«

Propagandafahrten der SA durch die Herrlichkeit Lembeck

SA am Dorstener Bahnhof zur Fahrt zum Reichsparteitag nach Nürnberg

In regelmäßigen Abständen veranstalteten die einzelnen Stürme in der Standarte 8 (Ab­schnitt Dorsten und Herrlichkeit) unter Lei­tung von Arthur Weißenberg so genannte Propagandafahrten, »um ein offenes Bekennt­nis der SA des Lippelandes zum Nationalso­zialismus und zum Führer« abzulegen. Ein SA-Bericht aus dem Jahre 1935 beschreibt eine solche Propagandafahrt unter dem Motto »Gegen alle Staatsfeinde«:

»Die Fahrt der SA ging dann zurück zur Hardt. Auf der Katharinenstraße hatte man einen großen Anhänger und Kisten als Hindernis auf die Straße gestellt.

Schneidig ging die SA vor, und in wenigen Minuten war das fingierte Hindernis besei­tigt. In Holsterhausen ging die Fahrt von Boers aus durch sämtliche Straßen der Ge­meinde. Auf der Heinrichstraße hatte man mit Wagen, alten Rädern und allerlei Ge­rümpel ein Hindernis gebaut. Einige kurze Kommandos, Schüsse knallten, und in wenigen Augenblicken war die Straße wieder frei. Diese Übung hat viele Zuschauer angelockt. In Hervest-Dorsten gab es auf der Fahrt zum Dorf abermals ein Hindernis zu be­seitigen. Mit großem Schneid wurde auch diese Arbeit erledigt. Später ging die Fahrt zum Gemeindedreieck zurück. Überall hatten die Kampfrufe der SA-Kameraden und ihre Kampflieder viele Menschen auf die Beine gebracht.«

Artur Wagner verunglückte tödlich am Bahnübergang

Im März 1935 verunglückte Standartenfüh­rer Artur Wagner tödlich. Sein Nachfolger hieß Schulz. Später wurde Conrad Schlüter Standartenführer. Wagner fuhr mit zwei an­deren SA-Führern nach der Saar-Kundge­bung mit einem Pkw nach Buer und wollte im Kreise der dortigen SA-Kameraden den Sieg der Saar-Abstimmung weiterfeiern. Da das Trio wegen der vorangegangenen Zeche­rei bei Koop nicht mehr fahrtüchtig war, übersahen sie am Bahnübergang Buer-Nord einen ankommenden Zug. Wagner und ein weiterer SA-Führer kamen ums Leben. Der dritte wurde verletzt. Standartenführer Wag­ner erhielt auf dem Zentralfriedhof in Her­vest-Dorsten das erste nationalsozialistische Begräbnis in Dorsten, das ohne Geistlichen stattfand. Deswegen, so erinnert sich eine Teilnehmerin, kamen viele Dorstener aus Neugierde zur Beerdigung. Zwei Jahre später widmete die Stadt dem »toten Helden der Bewegung« eine Straße. Ortsgruppenleiter Berke erinnerte bei der feierlichen Umbenennung der Kaiserstraße in »Artur-Wagner-Straße« an die »Verdien­ste« von Artur Wagner um die Bewegung im Lippegebiet: »In Vollbringung einer ka­meradschaftlichen Tat« habe er den Tod ge­funden.

SA-Stabschef Lutz auf dem Dorstener Marktplatz

SA-Stabschef  Lutze zu Besuch in Dorsten – früher war er hier Briefträger

Ende der 1920er-Jahre war Viktor Lutze als Postbeamtenanwärter im Dorstener Postamt beschäftigt und wohnte zur Untermiete bei der Familie Nuyken in der Lippestraße. Daher kam er im August 1935, als er bereits Nachfolger des von Hitler ermordeten SA-Stabschefs Ernst Röhm geworden war, zur Inspektion seiner SA-Truppen nach Dorsten. Darüber schrieb der dem Regime nahe stehende „General-Anzeiger“ am 22. August 1935:

Im August 1935 hatte die Dorstener SA ihren großen Tag: Stabschef Viktor Lutze kam zur Inspektion seiner braunen Truppen in die Lippestadt. Darüber schreibt der dem Regime nahe stehende »General-Anzeiger« am 22. August 1935:

»Wie ein Lauffeuer durcheilte diese Kunde die Stadt und versetzte alle Volksgenossen, insbesondere die SA in freudige Erregung, brachte alle Gemüter in höchste Spannung. Von den Häusern grüßten die Fahnen, das blutrote Tuch mit dem leuchtenden Sonnenzeichen…«

Drei Stunden verharrten die SA-Männer in glühender Mittagshitze. Bei Nuyken, seiner damaligen Schlafstelle, hielt die Wagenkolonne kurz an. Ein Mädchen überreichte dem SA-Chef einen Blumenstrauß. Die Fahrt ging weiter zum Marktplatz, wo Lutze die Parade der SA-Männer aus Dorsten, Gladbeck und Bottrop abnahm. »So wird dieser kurze Besuch Viktor Lutzes in Dorsten gewiss auch reiche Frucht tragen, wird von diesem Ereignis reicher Segen ausgehen…», schrieb der »General-Anzeiger«.

Viktor Lutze machte Karriere im NS-Staat – Tod durch Verkehrsunfall

Lutze war ab 1912 Berufssoldat und nahm am Ersten Weltkrieg teil. 1919 schied er im Offiziersrang aus dem Heer aus; 1922 wurde er in Elberfeld Mitglied der NSDAP und 1923 Mitglied in deren SA. Von Elberfeld aus leitete Lutze seit 1926 den „Gausturm Ruhr“ der SA, dessen Strukturen organisatorisches Vorbild für den Aufbau der SA in anderen Regionen wurde. Gauleiter war der spätere oberste SA-Führer Franz von Pfeffer. 1928 wurde Lutze zum SA-Oberführer Ruhr befördert und gelangte damit innerhalb der paramilitärisch organisierten SA zu einem Rang, der einem Obersten entsprach. Lutze machte im NS-Staat Karriere: Reichstagsmitglied ab 1930, Obergruppenführer 1933, Polizeipräsident von Hannover 1933, Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, Preußischer Staatsrat, SA-Stabschef 1934. In der Folge verlor die SA und Lutze an Einfluss. – Viktor Lutze starb 53-jährig 1943 an den Folgen eines Autounfalls bei Potsdam.

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