Zwei Männer beim Löwenzahn­pflücken erschossen – Über das Ostarbeiter- ­und Kriegsgefangenenlager Tönsholt

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Tönsholt in den 1980er-Jahren; Foto: Wolf Stegemann

Von Christel Winkel

Zwischen der Gladbecker Straße in Dorsten und Kirchhellen liegt der heute zu Alten­dorf-Ulfkotte gehörende Ortsteil Tönsholt; die „Siedlung“, vor der grundlegenden Sanierung noch hässlich anmutende Häuser, ist angeordnet wie ein Barackenlager. Die fe­sten Steingebäude wurden im Jahre 1942 als Lager für kriegsgefangene Italiener errich­tet. Auftraggeber war die Organisation Todt. Russische Ostarbeiter, die sich erst selbst Ba­rackenunterkünfte bauen mussten, waren dort als Arbeiter eingesetzt. Ursprünglich sollte das Lager auf dem Feld Schulte-Bockum errichtet werden. Da aber ein or­kanartiger Wirbelsturm in einem nahegele­genen Wald des Grafen Metternich (Haus Beck) viele Bäume umknickte, bot sich diese Fläche für das Kriegsgefangenenlager be­stens an. Zudem führte eine direkte Bahn­verbindung durch den Wald nach Essen. Dort sollten die Kriegsgefangenen im Rü­stungsbetrieb Krupp arbeiten. Bevor das Ba­rackenlager für die Ostarbeiter errichtet wer­den konnte, mussten zehn serbische Fremd­arbeiter das Waldstück von den umgeknick­ten Bäumen säubern, die in einem proviso­risch errichteten Sägewerk zu Bahnschwel­len verarbeitet wurden. Denn später sollte ein direkter Gleisanschluss vom Lager zu der bestehenden Bahnlinie hergestellt werden Westlich der Bahnlinie entstanden fünf bis sechs Holzbaracken sowie eine gemauerte Unterkunft für die Lagerverwaltung. 150 russische Männer, Frauen und Kinder waren dort untergebracht, dazu eine Handvoll bel­gische und holländische Fremdarbeiter. Ein Teil der Lagerinsassen fuhr täglich mit der Bahn und in Begleitung von Bewachern nach Essen.

Erste Lagerinsassen waren Angehörige der Badoglio-Armee

Auf der gegenüberliegenden Seite des Ba­rackenlagers entstand das Kriegsgefange­nenlager. Ausführende Firmen waren Heine­mann & Busse und Otto Witt (Hannover); die Bauleitung lag in Händen von Bauführer Römert. Die nicht bei Krupp eingesetzten Männer und Frauen leisteten schwerste Handlanger­dienste für die Baufirmen. Besonders schwer arbeiteten die russischen Frauen, wie sich ein Anwohner erinnert. „Mit primitiven Werkzeugen mussten sie eine zehn Meter tiefe Klärgrube ausheben, während die russi­schen Männer auf Spaten gestützt zusahen.“ Das erste fertig gestellte Gebäude bezogen italienische Kriegsgefangene der Badoglio-Armee.

Durften sich Russen in einem festgelegten Radius um das Lager frei bewegen, lebten die Italiener anfangs streng bewacht hinter Stacheldraht. Täglich fuhren sie zum Arbeits­einsatz in die Krupp-Werke nach Essen. Die in der Nachbarschaft der Lager wohnenden Bauern können sich an keine besonderen Vorkommnisse erinnern. Allerdings regi­strierten sie „unmenschliche Behandlun­gen“, die russische Ostarbeiter durch die Lagerführer Sch. und W. und den Unterlagerführer D. erdulden mussten. Die Lagerführer horteten in ihren Unterkünften und Wohnungen die für die Lagerküche der Russen angelieferten Lebensmittel. „Kleine Kinder, zum Skelett abgemagert, mit aufgedunsenen Hungerbäuchen bettelten in der Umgebung des des Lagers um Brot.“ Die meisten Anwohner halfen mit Nahrung und Kleidung, so gut sie konnten, denn schließlich war es verboten, den Hungernden Brot zu geben.

Als Lagerführer W. sah, wie der Landwirt Schlüter in seinem Haus russischen Kindern Brot gab, drohte er mit einer Anzeige und die Einberufung zum Volkssturm. Etliche Anzeigen gegen Anwohner des Lagers, die Russen Brot oder Rüben gegeben hatten, gingen beim Ortsgruppenleiter Ernst Heine ein. „Der ließ solche Denunzianten-Briefe verschwinden“, meinte ein Betroffener.

Zu welch niederträchtiger Handlungsweise damals Menschen fähig waren, zeigt ein Vorf­all, der sich im Spätsommer 1944 ereignete: Russische Männer sammelten Brombeeren, um sie in Dorsten gegen Brot einzutauschen. Auf dem Rückweg zum Lager wurden sie in der Nähe des Hofes Schlüter von Soldaten aufgehalten, die ihnen das Brot abnahmen. Schlüter wurde von den Soldaten mit vorge­haltenem Gewehr gezwungen, das den Rus­sen abgenommene Brot sofort an die Schweine zu verfüttern.

Todesursachen: Schädelbruch, Tuberkulose, Unterernährung

Im Januar 1945 verprügelte Unterlagerfüh­rer D. drei Russen brutal mit einem Knüp­pel, weil sie Kartoffelschalen gestohlen hat­ten, die als Viehfutter vorgesehen waren. Die in der Nähe des Lagers wohnende Familie Habsch stellte für russische Frauen Kartoffeln ­am Wegrand ab. Aus Furcht griff keine Hand danach. Erst als Habsch mit dem Aufseher der Frauen gesprochen hatte, hol­ten sie die Kartoffeln mit einer Schubkarre ab. Habsch erinnert sich auch, dass sich zwei Kriegsgefangene von ihrem Lager entfernt hatten (später war die Bewachung nicht mehr so streng), um auf der Wiese bei Lordiek Löwenzahn zu sammeln. Beide wurden dabei erschossen. Landwirt Schlüter holte täglich Essenskübel von Maria Lindenhof für das Lager; 1944 hatte er zweimal eine besondere Fracht nach Maria Lindenhof dabei: einen toten Kriegsgefangenen für den dorti­gen Friedhof. Im gleichen Jahr wurden fünf Kriegsgefangene auf dem Kirchhellener Friedhof begraben. Die amtlichen Todesur­sachen: zweimal Schädelbruch, Freitod, Tu­berkulose, Unterernährung. 1945 sind im Sterberegister vermerkt: eine 51-jährige Rus­sin und ein zwei Monate alter Säugling. Als im März 1945 die Alliierten immer näher rückten, verließen die Lagerführer fluchtar­tig Tönsholt. In ihren Unterkünften fand man Säcke voller Kartoffeln und Zucker, Kü­bel voller Fett und ungerösteten Kaffee, Fäs­ser voller Sauerkraut und Eimer mit Marme­lade.

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