Junger Jude überlebte als Hitlerjunge und Soldat. Interview mit Sally Perel: Ich fühlte mich schuldig, weil ich so überlebt habe!

Sally Perel aus Tel Aviv auf Lesereise in Deutschland

Von Wolf Stegemann

Der 1925 in Peine geborene Salomon Perel, der heute als Sally Perel in Israel lebt, nannte sich auch Shlomo Perel oder Solomon Perel, in der NS-Zeit Josef Perjell oder auch Josef Peters. Das hatte seinen Grund. Denn der Jude Perel überlebte den Nationalsozialismus in Deutschland unerkannt als „arischer“ Hitlerjunge. So heißt denn auch seine 1992 in Deutsch erschienene und verfilmte Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salo­mon“. Der Film wurde mit interna­tionalen Preisen bedacht und in Amerika zur Oscar-Preis­verleihung vorgeschlagen. Eine hochrangige Jury der Bundesrepublik verweigerte dem Film die Anerkennung.

Ein abenteuerlicher und wundersamer Lebensweg

Nachdem das Schuhgeschäft der Familie Perel in Peine von den Behörden „arisiert“ worden war, verzog die Familie 1938 ins polnische Lodz. Als die deutsche Wehrmacht den westlichen Teil Polens besetzte, floh Sally Perel ins das russisch besetzte Polen. Die Flucht endete in einem dortigen Waisenhaus. Als die deutschen Truppen beim Angriff auf die Sowjetunion auch diesen Teil Polens besetzten, konnte er sich als Volksdeutscher ausgeben und seine jüdische Herkunft verschleiern. Er fungierte in der Folge als deutsch-russischer Übersetzer für die Wehrmacht. Seine wirkliche Identität entdeckte nur ein deutscher Kamerad, der als Homosexueller Interesse an Sally Perel hatte. Als er erkannte, dass Perel Jude war, versicherte er ihm, ihn nicht zu verraten. Diese Freundschaft half Perel zu überleben. Nachdem er zwei Jahre an der Front gegen die Sowjetunion kämpfte, wurde Perel ins „Vaterland“ versetzt. Dort kam er in eine Eliteschule der Hitlerjugend und fing an, sich mit der nationalsozialistischen Politik zu identifizieren. Später beschrieb er die Diktatur als Gift, das jeden Tag in die jungen Gehirne getropft wurde. An dieser HJ-Schule beurteilte  ihn ein Rassenkunde-Lehrer als Angehörigen der „Baltisch/Arischen Rasse“, nicht als Juden. Das half ihm bei der notwendigen Verschleierung seiner Identität, wobei er immer darauf zu achten hatte, dass seine Beschneidung nicht bemerkt wurde. Am Ende des Krieges wurde Perel nochmals Soldat in der Wehrmacht, von der US-amerikanischen Armee gefangen genommen und kurze Zeit später entlassen.

Leben nach dem Zweiten Weltkrieg

Außer seinen Brüdern Isaak und David überlebte kein Mitglied der Familie Perel den Holocaust. Perel emigrierte nach Israel, weil er sich in Deutschland nicht mehr willkommen fühlte. Er brauchte 40 Jahre, um das Erlebte zu verarbeiten, bevor er sich nach einer Herzoperation 1985 entschloss, seine Geschichte aufzuschreiben. Der Dorstener Wolf Stegemann begegnete Sally Perel zweimal: Einmal in Tel Aviv und später bei einer Lesung  in Nürnberg. Beide Begegnungen mündeten in Gespräche.

Das Interview mit Sally Perel über sein Leben, über Israel, die PLO und den Rechtsradikalismus in Deutschland

Stegemann: Sie haben mehr als 40 Jahre lang gewartet, bis Sie Ihre Erlebnisse aufge­schrieben haben. Waren Sie befangen, hatten Sie Ängste, falsch verstanden zu werden, oder was war der Grund?

Perel: Ich fühlte mich lange Zeit nicht dazu berufen, mei­ne Geschichte zu erzählen. Es gab eine Scham, auch eine Art Schuldgefühl. Denn schließ­lich habe ich unter National­sozialisten überlebt, mit einer Lüge. Ich bin nicht im Kon­zentrationslager gewesen wie die meisten Überlebenden der Verfolgung. Ich fühlte mich den Widerstandskämp­fern, den KZ-Überlebenden oder denen, die sich irgendwo sonst versteckt hatten, nicht gleich.

Stegemann: Aber Sie waren genauso in Todesgefahr . . .

Perel: Sicher. Aber mein Empfinden war anders. Ich hatte mich als Hitlerjunge to­tal identifiziert.

Zwar kam der Sally immer wieder durch und litt Höllenqualen, aber ich verdrängte Sally in mir, denn sonst hätte ich nicht überlebt. Ich habe mein Ju­dentum verleugnet. Ich habe niemanden verraten, um zu überleben. Ich habe nicht auf Kosten anderer überlebt, aber ich fühlte mich schuldig, dass ich so überlebt hatte.

Stegemann: Waren Sie zu­vor ein gläubiger Jude gewe­sen? War das der Grund, war­um Sie Scham verspürten?

Perel: Ach was. Ich war der einzige Jude in der Schulklasse. Meine Familie war sehr as­similiert. Ich ging zwar mit meinem Vater ab und an in die Synagoge, aber auch mit Freunden in die katholische Kirche, um das Orgelspiel zu hören. Ich hatte da keine Be­rührungsängste. Diese Einstellung des sehr assimilierten Juden hat mir vielleicht auch geholfen, die­se Jahre der Verstellung glaubhaft zu durchlaufen. Ab­gesehen von der inneren Zer­rissenheit, die nie aufgehört hat. Bis heute nicht. Aber mei­ne Mutter hatte mir gesagt, dass ich überleben sollte. Das war mein Gedanke – ihren Wunsch zu erfüllen.

Stegemann: Nach Kriegsen­de haben Sie noch einige Zeit in Deutschland gelebt, bevor Sie nach Israel gingen. Wie reagierten die Deutschen un­mittelbar nach Kriegsende darauf, dass Sie Jude waren?

Perel: Ich lebte zwischen Himmel und Hölle, da ich gar nicht mehr wusste, wer ich ei­gentlich war. Ich stand auf den Ruinen des so genannten Dritten Reichs, aber ich fand für mich keinen Platz. Ich war ja neidisch auf die deutschen Soldaten gewesen, die Post an die Front bekommen hatten. Ich hatte nie Post bekommen. Ich hatte eine Zeit überstan­den, die sich noch nicht von meiner Haut losgelöst hatte, die noch immer an mir klebte.

Stegemann: Haben Sei da­mals Menschen getroffen, de­nen Sie sich zu erkennen ga­ben?

Perel: Ich besuchte in Mün­chen meinen ehemaligen HJ-Führer. Ich habe ihn immer noch als Kollegen angesehen, denn ich hatte meine neue Identität noch nicht gefun­den. Ich erzählte ihm die Wahrheit, und er konnte sie kaum glauben.

Sally Perels Buch "Ich war Hitlerjunge Saolom" wurde verfilmt

Stegemann: Als Sie nach Is­rael gingen, haben Sie sich er­neut ein neues Leben aufge­baut. War Israel die einzige Alternative in Ihrer Situa­tion?

Perel: Israel gab mir die Chance, ein neues Leben zu leben, die Vergangenheit ab­zustreifen. Ich fand meine Le­bensinstrumente wieder, Aufgaben, denen ich mich zu stellen hatte. Ich war dankbar, dass es einen Ort auf der Welt gab, wo ich mich nicht mehr verstecken musste.

Stegemann: Aber Sie haben Ihre Geschichte auch in Israel geheim gehalten. Hatten Sie Angst, dass man Ihnen nicht glauben würde?

Perel: Damals hatte ich sie nicht erzählen können. Ich hätte sie nicht einmal formu­lieren können. Ich habe mich sogar bemüht, meine Erleb­nisse zu verdrängen. So wie viele andere Menschen in Is­rael ja auch versuchten und versuchen, ihre schreckli­chen Erlebnisse, die sie aus Europa nach Israel mitbrach­ten, zu vergessen oder zu ver­drängen. Aber irgendwann ging das nicht mehr. Irgend­wann wollte alles aus mir her­aus.

Stegemann: Wollten Sie je wieder in Deutschland leben?

Perel: Der Ort der Kindheit und Jugend bleibt ja Heimat. Egal, was man dort erlebt hat. Ich hatte die ersten zehn Jahre meiner Kindheit glücklich in Penne verbracht, und natür­lich träumte ich mich zurück.

Stegemann: Aber eine Rückkehr kam nie in Frage?

Perel: Nein. Inzwischen hatte ich Familie, eine Exi­stenz, eine neue Heimat. Nein, eine Rückkehr wäre mir nicht möglich gewesen. Ich bin oft in Deutschland gewesen, auch wieder in Peine, aber im­mer nur zu Besuch.

Stegemann: Wie beurteilen Sie die politische Situation im heutigen Israel, die sich doch stark unterscheidet von der, die Sie antrafen, als der Staat Israel gegründet wurde?

Perel: Ich wollte nie Bürger eines Besatzungslandes sein. Ich verlange von meinem Volk die Weisheit, nicht we­gen Närrischkeit in Streit zu geraten. Ich gehöre zu der is­raelischen Minderheit, die für Verhandlungen mit der PLO sind. Man muss mit den Palästi­nensern verhandeln, um den Wind aus den Segeln der Feindschaft zu nehmen. Sie haben ein Recht auf ihr eige­nes Land, das man ihnen ge­ben muss. Dazu bedarf es nur etwas Mut, aber ich bin sicher, dass die Menschen auf­einander zugehen werden, wenn sie verstehen lernen, dass es nicht anders möglich ist. Und ich wünsche mir, die­sen Zustand noch zu erleben.

Stegemann: Wie beurteilen Sie die Ausschreitungen Rechtsradikaler in Deutsch­land gegen Ausländer, Asyl­bewerber und in verstärktem Maße auch gegen Juden und jüdische Einrichtungen?

Perel (nach langer Zeit des Schweigens): Ich denke, Deutschland muss mit den Randalierern fertig werden. Ich denke auch, dass dies ge­lingen wird. Die Ausschrei­tungen in Deutschland dürfen nicht von Europa isoliert ge­sehen werden. Was in Deutschland passiert, wird in der Welt besonders kritisch betrachtet – zu Recht und zu Unrecht. Schlimm sind nicht die Steinewerfer und die Chaoten, gefährlich sind die, die im Schütze ihrer Bürger­lichkeit es wagen, immer of­fener Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit zu verbalisieren. Hier sind die Ver­antwortung und der Mut des Einzelnen gefragt

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Quellen: Interview erschienen 1992 in „Schalom“. – „Ich war Hitlerjunge Salo­mon“, Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, 1992. – Wikipedia, Online-Enzyklopädie
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