Anni Lahrmann holte ihren aufgebahrten Bruder heimlich unter der Hakenkreuzfahne hervor und begrub ihn

Von Wolf Stegemann

Als sie ihre Geschichte schilderte, war ihr die Betroffenheit 60 Jahre danach immer noch anzumerken. Halt gab ihr dabei ihr Bruder Bernhard, der am Tisch ihr gegenüber saß. Anni Lahrmann, 88 Jahre alt, erzählte über die letzten Kriegswochen und wie sie und ihre Familie das Kriegsende in Holsterhausen bzw. im Stollen-Bunker der Zeche Fürst Leopold in Hervest-Dorsten erlebt und überlebt haben. Nur einer hat das Kriegsende nicht überlebt: ihr damals 16 Jahre alter Bruder.

Am 15. März 1945 flogen in der Mittagszeit englische Bomber über Dorsten hinweg und luden ihre Bomben über der Stadt ab. „Unser Haus an der Gartenstraße bekam drei Volltreffer. Alles war weg. Dabei wurde mein Bruder Karl vor dem Haus tödlich getroffen“, sagt sie. Auf die Frage, warum er denn nicht im Sammelbunker an der Kreuzung Hohenkamp und Gartenstraße vor den Bomben Schutz gesucht hatte, wie seine Schwester und die Eltern, erinnert sich Anni Lahrmann: „Uns gegenüber lag eine junge Frau, Hedwig Haake geborene Spengler, allein im Keller des Hauses, die erst am Tag zuvor ein Kind bekommen hatte.  Als Voralarm gegeben wurde, gingen wir alle in den Bunker und mein Bruder sagte, er käme gleich nach, er wolle der Nachbarin mit dem Baby nur Bescheid sagen und ihr in den Bunker helfen.“

Weder Bruder noch die junge Frau mit dem neugeborenen Kind kamen. Als Anni Lahrmann mit ihren Eltern nach Aufhebung des Alarms wieder in der Gartenstraße war, lag ihr Haus in Trümmern. Im Schutt, der auf der Straße lag, fand sie ihren Bruder – tot. Und im Haus gegenüber, im Keller, lag Anni, die junge Mutter – ebenfalls tot. In ihren Armen schrie ihr Kind. „Ich habe es auf den Arm genommen und es den bereits im hohen Alter von 70 Jahren stehenden Eltern der jungen Mutter gebracht, die verzweifelt sagten: was wollen wir mit dem Kind?“ Schließlich nahm die Schwester der Toten das Kind. Es starb schon nach einem halben Jahr.

Leiche beschlagnahmt: Hohn-Gedicht auf den Führer in der Jackentasche

Wie es damals bei Ausbombungen üblich war, kamen Polizei und NSDAP-Ortsgruppenleiter zum Ort des Geschehens, um Schadensprotokolle und Fotos anzufertigen. Als der Holsterhausener Ortsgruppenleiter Heinrich Schwarz nach dem Ausweis in der Tasche des toten Bruders suchte, fand er ein Gedicht, das den Führer Adolf Hitler verhöhnte. Daraufhin ließ Schwarz den Leichnam beschlagnahmen. Die Familie war erschüttert. Anni Lahrmann erinnert sich: „Wir sagten immer zu ihm, wirf den Zettel mit dem Gedicht weg, wenn es jemand entdeckt, bekommst du große Schwierigkeiten!“

Während die ausgebombte Familie Lahrmann vorerst im Runkelkeller des Bauern und Ortsbauernführers Ostrop unterkam, schaffte die Polizei die beschlagnahmte Leiche des Bruders in die Leichenhalle, wo auch der Leichnam der jungen Mutter von Gegenüber aufgebahrt wurde und ein Mann namens Schäfer, der im Wasser- und Schifffahrtsamt gearbeitet hatte und bei der Bombardierung ebenfalls umkam.

„Wir hatten absolut nichts mehr, nur das, was wir am Leibe trugen“, erzählt Anni Lahrmann. „Und wir mussten auf den buckligen Rüben schlafen, ohne Decken. Wir hatten Hunger. Bevor wir uns dort für die Nacht hinlegten, durften wir in der Küche des Bauern bequemer auf Stühlen sitzen, während dessen Frau einen hohen Berg Reibeplätzchen backte. Wir freuten uns schon darauf, zumal der Duft unseren Hunger verstärkte. Doch dann ging sie mit den Reibeplätzchen an uns vorbei hinaus.“

Als Ausgebombte im Stollen-Bunker untergebracht

Anderntags wurde die Familie im überbelegten Stollen-Bunker der Zeche Fürst Leopold untergebracht. „Es war grässlich“, erinnert sich Anni Lahrmann. „Läuse an den Wänden, Wasser am Boden, überlaufende Toiletten, es stank!“

Die damals 23-Jährige musste sich nicht nur um ihre Tante kümmern, die im Stollen-Bunker beinahe durchdrehte, sie wollte auch, dass ihr Bruder ein christliches Begräbnis bekommt. „Fräulein Hesse kam zu mir und fragte mich, ob ich es denn zulassen werde, dass mein Bruder unter der Hakenkreuzfahne beerdigt wird. Das wollte ich nicht!“ Schon am nächsten Tag ging sie zum NSDAP-Ortsgruppenleiter Otto Berke in Hervest, um die Brieftasche ihres Bruders zu bekommen. „Berke gab sie mir. Das Gedicht über Hitler war aber nicht mehr drin!“ Beim Bauern Ostrop hatte sie einen holländischen Fremdarbeiter kennen gelernt, den sie wieder traf, und mit dem sie in die Leichenhalle einbrach, um den beschlagnahmten Leichnam ihres Bruders herauszuholen und zu beerdigen. Frl. Hesse half ihr dabei. Bei dieser Gelegenheit nahmen sie die beiden anderen Leichen auch gleich mit: Schäfer von der Gartenstraße und ein junges Mädchen aus Wesel, das gerade in Holsterhausen zu Besuch war. Mit einem Pferdewagen transportierten sie die drei Leichen in eine leer stehende Wohnung eines Direktorenhauses und bahrten sie dort bis zur Beerdigung auf. Franziskanerpater Gerold Hesse, Bruder von Fräulein Hesse, die geholfen hatte, übernahm die christliche Beerdigung und Anni Lahrmann atmet heute noch tief durch, weil sie damals – wie durch ein Wunder – nicht erwischt worden waren. „In den letzten Kriegstagen ging schon alles drunter und drüber, das war sicherlich unserer Rettung!“

Bombardierung: Dem Funksoldaten das Leben gerettet

Zu der Zeit, als ihr Haus in Schutt und Asche fiel, hatte Anni Lahrmann ein weiteres Erlebnis, das sie nicht vergessen kann. Als die Lahrmanns in der Gartenstraße vor den Trümmern ihres Hauses standen, hörte Anni Hilferufe aus dem Schutt. Sie gruben einen Soldaten aus, der zu einem dort stationierten Funkwagen gehörte, mit dem Nachrichten abgehört wurden. „Der Soldat hieß Lorenzen und stammte aus Bad Oeynhausen. Er war sehr dankbar, dass ich ihm das Leben gerettet hatte. Als er zum Sammelplatz gehen musste, um noch irgendwo eingesetzt zu werden, sagte er zu mir: Wenn ich den Krieg überleben sollte, dann schenke ich ihnen eine Küche und ein Schlafzimmer!“ Der Soldat war Inhaber einer großen Schreinerei in Bad Oeynhausen. Als der Krieg zu Ende war, bekam Anni Lahrmann eine Postkarte aus Bad Oeynhausen. Darauf stand, dass er den Krieg überlebt habe und daher sein Versprechen wahr machen wolle. Sie bekam ihr Schlafzimmer und ihre Küche.

„Wer diese Zeit nicht erlebte“, resümiert sie, „kann sich kein Bild von ihr machen!“ Und sie erinnert sich an die Atmosphäre jener Zeit, in der ein falsches Wort am falschen Ort zu einer falschen Person eine Zuchthausstrafe, Konzentrationslager oder sogar ein Todesurteil zur Folge haben konnte. „Ich begegnete fast jeden Morgen dem Amtsrichter Hullmann von der Idastraße, wenn er mit seinem Fahrrad zum Amtsgericht fuhr, und ich zum Bahnhof ging. Eines Tages sagte er zu mir leise: ,Frau Lahrmann! Halten sie im Zug den Mund, nicht dass ich Sie eines Tages im Gericht vor mir stehen sehe!’“

Weiße Leinentücher am Zechen-Bunker angebracht

Als das Kriegsende für Dorsten nahte, verdichteten sich die Gerüchte im Zechenstollen, in dem es so schwer auszuhalten war. „Amerikaner sind schon in Schermbeck!“ hieß es. Und alle machten sich daran, weiße Leinentücher, Stofffetzen und Handtücher aus den wenigen Sachen heraus zu kramen, die sie im Stollen mit hatten. Und dann hörten sie die Panzer der Amerikaner über dem Stollen. „Wir hatten keine Angst, wir sind raus gesprungen, die weißen Stofffetzen in der Hand, die Sonne schien, die Luft war gut, wir jubelten und fielen uns in die Arme. Wir waren erlöst!“

Dann mussten wir uns alle aufstellen, die Amerikaner hatten Gewehre in der Hand. Frl. Weiß, die Sekretärin von Ortsgruppenleiter Berke, musste mit ihnen in den Stollen gehen, damit sie prüfen konnten, dass sich dort keiner mehr versteckt hatte. „Die Nazis waren da alle schon nach Bückeburg verschwunden!“

Amerikaner gab ihr am Grab des Bruders echten Kaffee

Wenige Tage später stand die junge Anni Lahrmann am Grab ihres Bruders in Holsterhausen, den sie unter so extremen Umständen hat beerdigen müssen. Da kam ein amerikanischer Soldat auf sie zu. „Ich hatte Angst, schließlich war ich alleine. Ich drehte mich nach allen Seiten um, doch es war sonst niemand da!“ Der Soldat sprach deutsch.  Er fragte das Mädchen, wer der Tote sei. Sie sagte es ihm. Da holte er unter seiner Uniformjacke Apfelsinen, Äpfel, Zigaretten, Kaffee und viele der schönen Dinge hervor, auf die Anni Lahrmann und ihre Familie so lange verzichten mussten. „Da ich nichts dabei hatte, um die Sachen anzunehmen, legte er sie auf das Grab. Als er weg war, schürzte ich vorne meinen Rock, legte alle die feinen Sachen hinein und lief mit hochgezogenem Rock nach Hause. Mir war es egal, was die Leute dachten!“ Zur Mutter sagte sie strahlend: „Jetzt kochen wir erst einmal einen ordentlichen Kaffee!“

Das Gespräch mit Anni Lahrmann wurde 2009 geführt und in „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“, hg. vom Ökumenischen Geschichtskreis Holsterhausen an der Lippe, veröffentlicht.
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