Im Glauben an den Sieg und die heilige Sendung des Führers – Die Dorstener NSDAP in der Kampfzeit von 1925 bis 1933

Von Wolf Stegemann

Geburtsstunde der Dorstener NSDAP war der 2. August 1925. Etwa 20 Dorstener, wohl aus dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbündnis oder ähnlichen nationalen Or­ganisationen kommend, scharten sich um den Bergmann Gustav Klein (NSDAP-Mit­glied-Nr. 28.529) und die »blutrote Fahne« in Dorsten-Hardt.

Zehn Jahre nach dieser in der Öffentlichkeit unbemerkten Parteigründung schrieb die »Dorstener Volkszeitung« 1935: »Ihr rastloses Kämpfen und Mühen war das Samenkorn, das inmitten einer feindlich gesinnten Welt langsam aufging und später zu herrlicher Blüte gedieh.« Die feindlich Gesinnten wa­ren die »schwarzen« Altstadt-Dorstener und die »roten« Hervest-Dorstener. In so mancher Wirtshaus- und Straßenkeile­rei, die freilich nicht Ausmaß und Bedeutung der Saalschlachten in München oder Berlin hatte, schlugen sich die wenigen Nazis auf Befehl ihrer Gauleitung Ruhr (Gauleiter da­mals: Viktor Lutze, Elberfeld) für Partei und Führer.

Glückwunsch des Gauleiters 1935

Bei Schlägereien standen die Kommunisten den Nazis in nichts nach

Noch vor 1930 gründeten die Dorstener Hakenkreuzler, wie Anhänger der Hitler-Bewe­gung damals auch genannt wurden, die braun uniformierte Sturm-Abteilung (SA) und schwarz gekleidete Schutzstaffel (SS), um den politischen Forderungen der Partei schlagkräftigen Nachdruck zu verleihen. Übrigens standen Kommunisten – was Schlä­gereien betraf – den Nazis in nichts nach. Nach der Machtergreifung wurden, wie aus der damaligen Zeitung zu erfahren ist, so manche SA-Schläger für ihre narbenreichen Verdienste für Führer, Volk und Vaterland in Dorsten ausgezeichnet. Aber auch gemütliche Abende standen auf dem Programm von Partei, SA und SS. So richtete die SS am 3. Juli 1932 in der Gast­wirtschaft Elbers (Hardt) einen »Deutschen Abend« aus mit Einführungsmarsch, Prolog, Aufführung der SS-Laienspielschar, Preis­schießen, Verlosung und Tänzen – deutschen natürlich. Der Einnahmenüberschuss, so der Programmzettel, diente zum Aufbau der Dorstener SS und zur Unterstützung arbeits­loser SS-Leute.

Wahlplakat der NSDAP vor 1933

Überläufer wurden gerne in die NSDAP aufgenommen

Das katholische Zentrum – Kaufleute, Bank­direktoren, Rechtsanwälte, Geistliche – hat­ten in der Altstadt und den Landgemeinden ungebrochen die politische Macht inne. Ihr politisches Weltbild war katholisch-konser­vativ gefestigt – wie ihre Macht auch. Das hinderte allerdings im März 1933, als sich die Machtverhältnisse revolutionär veränder­ten, etliche politisch und gesellschaftlich hoch angesehene Zentrums- und DNV-Politiker nicht, in die NSDAP überzuwechseln, wo sie mit Freuden aufgenommen wurden. Schließlich waren sie die von den Nationalsozialisten benötigten »Rammböcke«, mit de­nen die um gesellschaftliche Reputation be­mühte, noch proletarische NSDAP in das zu­nehmend verunsicherte bürgerliche Lager der Lippestadt einbrechen konnte. Wie die Idee des Nationalsozialismus nach Dorsten kam, ist nicht bekannt. Überliefert ist lediglich, dass »auf der protestantischen Hardt« die ersten Hakenkreuzfahnen weh­ten. Bis heute hat sich die Bezeichnung »die braune Hardt« gehalten. Vielleicht auch des­halb, weil sich dort jüngst die NPD regte.

Zurück zur NSDAP: »Diese kleine Schar«, so reflektierte 1935 Ortsgruppenleiter Heine, »war der Stoßtrupp, der schließlich in den Kern des Volkes vordrang und eine Bastion nach der anderen auf der gegneri­schen Seite niederlegte und dafür das Ha­kenkreuz aufpflanzte. Es war ein Kleinkrieg um die Seele des Volkes.«

Der Staat sah im Wirken der NSDAP eine Gefahr für die junge Demokratie der Weima­rer Republik. Der frühere Recklinghäuser Landrat und damalige Polizei-Referent im Berliner Innenministerium, Erich Klausener, erließ 1925 einen Runderlass (II G 1248), in dem er das Auftreten Hitlers in öffentli­chen Versammlungen untersagte, später ihm sogar Redeverbot erteilte. Im Januar 1927 wies er die Polizeibehörde der Amtsverwal­tung Hervest-Dorsten an, darauf zu achten, dass sich die NSDAP strikt im Rahmen »nichtöffentlicher Versammlungen« be­wege. Der Regierungspräsident, der Polizeipräsi­dent (Recklinghausen) sowie die Bürgermei­ster von Dorsten und die der Landgemeinden waren fortan gehalten, die Hitler-Bewegung zu überwachen. Dorstens Polizeikommissar musste Berichte über Mitgliederzahlen, Na­men und Versammlungen nach Recklinghau­sen schicken. Fritz Graf von der Schulen­burg, Bruder der Künstlerin und Dorstener Nonne Tisa von der Schulenburg (Sr. Paula), war damals für kurze Zeit als Regierungsas­sessor in der Polizeiabteilung beim Landrat Recklinghausen tätig. Er musste ab 1930 zum 10. ei­nes jeden Monats dem Regierungspräsiden­ten Münster Bericht über die NSDAP erstat­ten.

Angeordnete Hausdurchsuchungen bei Mit­gliedern der NSDAP und anderen Rechtsra­dikalen in Dorsten, Hervest und Holster­hausen brachten in den Jahren zwischen 1930 und 1932 nicht die erhofften Waffen­funde zutage.

Nazis hatten ihr Partei-Büro am Lippetor

Die Nationalsozialisten, die ihr Partei-Büro bis 1933 in der alten Lohgerberei am Lippe­tor hatten, bekamen bei der Stadtverordne­tenwahl vom 17. November 1929 nur 62 Stim­men. Es kandidierten: Klein, Ripa und Baron.

Fritz Köster, NSDAP-Leiter von 1930 bis 1933

Im November 1930 übernahm der Dorstener Schreiner Fritz Köster die zu diesem Zeit­punkt immer noch nur 21 Mann starke Orts­gruppe. Köster nutzte fortan jegliche organi­satorischen Möglichkeiten, die Partei durch Umzüge und Versammlungen mit überregio­nalen Parteirednern in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Immer mehr Dorstener, die unter der wirt­schaftlichen Notlage litten, ob Bergarbeiter oder Handwerker, sympathisierten mit der NSDAP und ihren hoffnungsvollen Verspre­chungen.

Aus Einzelkämpfern, die von Wohnungstür zu Wohnungstür zogen, um ihr Partei-Blätt­chen »Westfalen-Wacht« zu verkaufen, wurde ein gefestigter Block, dem immer mehr arbeitslose Anhänger und Mitglieder zuliefen, nach deren ideologischer Festigkeit man aber nicht fragte.

Arbeitslosigkeit beförderte die NSDAP

Mitte 1932 lebten in Dorsten (Altstadt, Feld­marken, Hardt) 818 Personen mit 2.308 An­gehörigen von der städtischen Wohlfahrt. Dazu belasteten 104 Kleinrentner mit 150 Angehörigen die Stadtkasse. Ein Drittel der gesamten Bevölkerung lebte also von der Wohlfahrt. In Hervest waren es 40 Prozent, in Holsterhausen gar 65 Prozent. Bereits einen Monat nach Übernahme der Parteiführung durch den Protestanten Kö­ster konnte die NSDAP über 70 Mitglieder melden.

Der spätere Ortsgruppenleiter Heine sah darin einen »Wendepunkt in der Entwick­lung der Dorstener Ortsgruppe«, sah die Par­tei nunmehr als einen Faktor im öffentlichen Leben: »Damit war der Vorstoß in die Mas­sen des Volkes gelungen, und der Kampf konnte auf der ganz breiten Front geführt werden. « Leider erschweren es Ruhmredigkeit und Unzuverlässigkeit solcher Darstellungen aus der Kampfzeit, um genaue Informationen über die Frühgeschichte der Dorstener NSDAP zu gewinnen.

Dorstener Nazis hatten bei Wahlen nur mäßigen Erfolg

Unter diesem Vorbehalt bei der Beurteilung des Quellenmaterials scheint es, dass die Na­tionalsozialisten im öffentlichen Leben kaum die Rolle gespielt haben, die ihr Heine oder andere Führer im Nachhinein andichte­ten. Bis 1933 war die NSDAP in Dorsten un­bedeutend. Bei den fünf großen Wahl­schlachten des Jahres 1932 errang die NSDAP gegenüber den anderen Parteien trotz einiger Einbrüche nur mäßige Er­gebnisse.

Im Herbst 1932 ging aus der NSDAP Dor­sten die Ortsgruppe Hardt unter Führung von Lehrer Berkel hervor. Dorstener Natio­nalsozialisten standen zu diesem Zeitpunkt – wenige Monate vor der Reichstagswahl vom 30. Januar 1933, den wichtigen Reichstags- ­und Landtagswahlen sowie der Kommunalwahl vom 5. März 1933 – in den Startlöchern, um »im Glauben an Sieg und Sendung des Führers« die Macht im Rat­haus zu übernehmen.

 

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