Kinderlandverschickung löste etliche Probleme: 2,5 Millionen Kinder kamen in bombenfreie Gebiete – Ein für Dorsten noch nicht aufgearbeitetes Thema

Mit dem Zug in fremde und sichere Gegenden verschickt - fern von Mutter und Familie; Foto: Bundesarchiv

Von Wolf Stegemann

Die Kinderlandverschickung (KLV) wurde mit der Machtübernahme der NSDAP im Jahre 1933 erstmals durchgeführt. Unter der Leitung der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) diente die KLV ursprünglich dazu, bedürftigen Kindern eine Erholungsreise zu ermöglichen. Ganz andere Dimensionen erreichte die KLV ab September 1940. Die mit Dauer des Krieges anwachsenden Versorgungsprobleme und der in seiner Intensität ständig zunehmende Bombenterror auf deutsche Städte zwangen die Reichsregierung zum Handeln. Bis Kriegsende wurden 2,5 Millionen Kinder im Alter zwischen drei und 14 Jahren sowie Mütter mit Säuglingen aus den bedrohten Städten in von Luftangriffen ungefährdete Gebiete evakuiert. Es wurden bei diesen Evakuierungen keinerlei Unterschiede ob des soziales Status gemacht, wie es beispielsweise in England gehandhabt wurde (Adel und Plutokratie zuerst). Vor Ort wurden die Kinder weiterhin unterrichtet, manchmal von den ebenfalls evakuierten eigenen Pädagogen, manchmal von fremden Lehrern. Ab 1943 wurden zunehmend ganze Schulklassen verschickt. Der Tagesablauf war in den KLV-Lagern gleich; vormittags Unterricht, nachmittags Ausbildung durch einen so genannten Lagermannschaftsführer. Dieser war HJ-Führer und dementsprechend wurde „die Freizeit gestaltet“. Bedarfsweise halfen die älteren Schüler der KLV in der örtlichen Landwirtschaft, jüngere wurden meist bei Pflegeeltern untergebracht.

NS-Propagandaplakat 1943

Propagandistische Zwecke mit Nebeneffekt

Ziel der gesamten Evakuierungsaktion war es, die Sorgen der Bevölkerung vor Luftangriffen zu zerstreuen und verschickte Kinder und Jugendliche vor Bomben zu bewahren. Als Nebeneffekt konnten nun zurückbleibende Mütter für kriegswichtige Arbeiten freigestellt werden. Zum ideologischen Konzept der Nationalsozialisten passte aber auch die Lagererziehung, die eine individuelle Erziehung durch das Elternhaus ablösen sollte. Ein streng geregelter Tagesablauf, Uniformierung, ausgeprägte Kommandostrukturen und Unterwerfungsrituale, Sport als Leibesertüchtigung, Geländeübungen, Marschkolonnen und symbolträchtige Feierstunden waren wichtige Elemente dieser nationalsozialistisch ausgerichteten Erziehung.

Rückführung der Kinder am Ende des Krieges

Zeitzeugen berichten von verspäteten und überhastet durchgeführten Auflösungen ihres KLV-Lagers bei Kriegsende. Manchmal war eine geordnete Rückführung nicht mehr möglich, weil Transportmittel fehlten, manchmal verhinderten Kampfhandlungen die Heimfahrt. In mehreren Fällen mussten sich Schüler alleine oder in kleinen Gruppen selbst zu ihren Eltern durchschlagen. In der Forschungsliteratur ist dieser Teil unzureichend aufgearbeitet. Regionalgeschichtliche Quellen sind nur ausnahmsweise ausgewertet und nicht ohne Weiteres übertragbar.

Das verbreitete Meinungsbild zur Kinderlandverschickung stellt die humanitären Aspekte in den Vordergrund, hebt die Fürsorge um das Leben der Kinder sowie die Opferbereitschaft von Eltern und Betreuern hervor und mündet im Urteil: „Die KLV war eine gute Tat.“ Es wird darauf verwiesen, dass schätzungsweise 74.000 Kinder bei Bombenangriffen ums Leben kamen. Ausgeblendet wird bei dieser positiven Bewertung jedoch, dass die Schüler im KLV-Lager während einer prägenden Lebensphase abgeschirmt einer nationalsozialistisch bestimmten Erziehung ausgesetzt waren.

1.000 Kinder umfasste der Zug, mit dem Agnes Hürland an den Main verschickt worden war

Das Thema ist in Dorsten nicht aufgearbeitet

Die Geschichte der Kinderlandverschickung ist in Dorsten nicht aufgearbeitet. Es gibt da und dort Hinweise auf das Thema. In der Schulchronik der Paulusschule in Hervest steht:

„Am 8. September (1941) begann der Unterricht nach den Sommerferien. Zum ersten Mal fand die Einschulung der Schulneulinge zum Herbsttermin statt. Es wurden aufgenommen 30 Kinder, 19 Knaben, 11 Mädchen. Die Schule zählte 193 Kinder, 15 Kinder befanden sich in der Kinderlandverschickung.“ Und im Jahr 1943 steht unter dem August: „Nach den Ferien begannen wir den Unterricht mit 160 Kindern. Eine Reihe von Schülern hatte unser luftgefährdetes Gebiet verlassen Sie waren von ihren Eltern in ruhigere Gebiete unseres Vaterlandes gebracht worden.“

Die Dorstener Staatssekretärin Agnes Hürland-Büning (geborene Oleynik, 1926 bis 2009) schrieb in ihren (unveröffentlichten) Memoiren über ihre Kinderlandverschickung:

„1936 kam ich durch die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) zur Kinderlandverschickung nach Oberpleis in der Nähe von Siegburg im Rheinland. Dort erlebte ich den Einmarsch der Deutschen in das bis dahin entmilitarisierte Rheinland. Die Soldaten wurden durch die Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt. […] 1937 kam ich durch die gleiche Organisation im Zuge der Kinderlandverschickung zu einer Familie nach Kitzingen am Main. Das System war so aufgebaut, dass Familien aus dem Mittelstand Kinder aus Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit für vier Wochen bei sich aufgenommen haben. Mit mir war aus meiner Klasse [Bonifatiusschule in Holsterhausen] Marga Vorholt, die ebenfalls nach Kitzingen kam. Wir fuhren mit einem sehr langen Zuge. Es mussten etwa 1.000 Kinder gewesen sein, die in dieses Programm aufgenommen wurden. Meine Gastfamilie hieß Weidt. Ihr Haus lag auf einer kleinen Anhöhe. Ich fühlte mich dort sehr wohl, obwohl ich anfangs Heimweh hatte. Marga Vorholt und ich waren immer froh, wenn wir uns treffen konnten. Sie war bei einem Autohändler in der Innenstadt untergebracht. Gemeinsam konnten wir über unsere Familien, unsere Freunde, unsere Schule reden.“

Unterricht in einem schlesischen KLV-Lager; Foto: Bundesarchiv

Wissenschaftliche Abhandlungen und Bewertungen sind vereinzelt

Während die professionelle Geschichtsschreibung jahrzehntelang darüber hinweg gesehen hat, dass die Generation der mittlerweile ins hohe Alter gelangten „Kriegskinder“ nicht nur von Elternhaus und Hitlerjugend sondern auch von der Kinderlandverschickung in einer mehr oder weniger fremde Umgebung geprägt worden ist, gibt es historisch engagierte Autoren, die diese Lücke füllen. Zu ihnen gehört Georg Brauckmann. Für seinen neuesten Band „Katholische Westfalen 1941-1945 verschickt und umquartiert, Dokumentationsgemeinschaft KLV“ (Projekt-Verlag Bochum/Freiburg) hat der pensionierte evangelische Pfarrer eine breite und bebilderte Quellensammlung zusammengetragen, in der es um das „katholische Westfalen“ geht. Intensive Recherchen in Archiven legen in einem Teil des Buches die Bemühungen der Kirche um die religiöse Betreuung der „Umquartierten“ auf. Es ist aufschlussreich nachzulesen, wie vor allem die Generalvikariate dafür Sorge trugen, dass das katholisch-religiöse Angebot für die Schüler, ihren Müttern sowie für begleitende Angehörige in der Fremde aufrecht erhalten werden konnte. Ein anderer Teil des Buches hat die Erlebnisse der Kinder und die von ihren Angehörigen bei Kriegsende, aber auch die Anstrengungen von Städten wie Bochum um ihre Heimholung zum Inhalt. Braumann erwähnt einen Jungen, das erst zwölf Jahre nach Kriegsende als junger Mann heimkehrte.

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Quellen: Online-Enzyklopädie Wikipedia (2012). – Herbert Wagner  „Georg Braumann Katholische Westfalen 1941-1945 verschickt und umquartiert“ in Ruhr-Nachrichten vom 1. November 2010. – Rundschreiben des Reichsleiters Martin Bormann an die obersten Reichsbehörden und Parteidienststellen vom 27. September 1940; Wiedergabe nach G. Dabel; KLV-Lager 1940 bis 1945; Freiburg 1981, S. 7. – Eduard Füller „Heimatkrieg. Die Kinderlandverschickung aus dem nördlichen Westfalen im Zweiten Weltkrieg“, Aschendorff Münster 2010.
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Ein Kommentar zu Kinderlandverschickung löste etliche Probleme: 2,5 Millionen Kinder kamen in bombenfreie Gebiete – Ein für Dorsten noch nicht aufgearbeitetes Thema

  1. rupert u r b a n , geb. 1931 Muenchen sagt:

    Ich habe das KLV-Lager erlebt zwischen 1942 und April 1945 und war in der „Hans Schemm Aufbauschule“ in München. Zuerst im Seehotel Bartel Rechthaber in Leoni am Starnberger See. Unser „Abenteuer-Spielplatz“ war der Schlosspark Berg. Jedes Zimmer war mit vier Schülern belegt. Etwa zu Winterbeginn 1943 wurden wir nach Geisenfeld in er Hallertau umgesiedelt. In das „Hotel am See“ kamen verwundete Soldaten. Unser neues Lager war in einer stillgelegten Brauerei. Wir waren im Dachgeschoss untergebracht. Dort war „Karzer“-Atmosphäre: dreilagige Lagerbettgestelle mit Matratzen mit Papierschnüren gewebt und Strohfüllung. Die Versorgung war sehr kärglich und wir hungerten. Wir erlebten die Luftangriffe auf auf 60 km entfernte München! Seit der Schachten in Stalingrad, am Monte Cassino und der „Invasion“ in der Normandie war mir bewusst, dass der Krieg verloren war.
    Anfang 1945 wurde uns der „Volkssturm“ beigebracht usw. Im April waren plötzlich einige Lehrer abwesend. Trotz großer Eisenbahnschwierigkeiten holte mich meine Mutter Mitte des Monats nach München zurück. Am 28. April waren die „Amerikaner“ da.

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