»Kraftquelle des Marsches in eine lichte Zukunft« – Einweihung des Freikorps­denkmals an der Kanalbrücke 1934

Einweihung des Lichtschlagdenkmals mit Fahnen und Hitlergruß am Kanal

Von Wolf Stegemann

»Dorsten und Umgebung knüpft mit der Er­richtung des Ehrenmals für die Freikorpskämpfer an beste Traditionen an«, sagte am Freitagabend, dem 22. Juni 1934, NSDAP-Beigeordneter Fritz Köster über den Reichs­sender Köln:

»In allen unseren Gemeinden finden wir würdige Ehrenmale, die uns das Vermächtnis unserer gefallenen Helden im­mer wieder nahebringen. In diesen Kreuz­wegstationen, die den Schicksalsweg des deutschen Volkes bezeichnen, liegt die Kraft­quelle unseres Marsches in eine lichte Zu­kunft.«

Der Marsch in die »lichte Zukunft« endete in den Trümmerfeldern der Städte, in Schützengräben, in Massen- und Kriegsgräbern, in den Gaskammern der Vernichtungslager, im totalen Zusammenbruch aller Wertmaß­stäbe und im tiefen Dunkel politischer und menschlicher Abgründe. Die »Kraftquelle«, von der Köster sprach, kippten elf Jahre später englische Soldaten in den Lippeseitenkanal. Seither ist das Ehren­mal, das Nazis und Konservative in Dorsten zum Gedenken der gefallenen Kämpfer der Freikorps Lichtschlag /Loewenfeld 1934 ein­geweiht hatten, verschwunden. Der von Dr. Wiedenhöfer formulierte und auf dem Find­ling angebrachte Text lautete:

»Dem   Freikorps   Lichtschlag/Loewenfeld, Februar 1919 – März 1920. Unseren Befreiern aus Spartakistengewalt. Mit Adolf Hitler im zweiten Jahr des Dritten Reiches 1934. Euch war’s verhüllt, nun ist’s am Tag, Ihr schlugt den ersten Hammerschlag!«

Prominenz bei der Einweihung: v. l. Heinz von Hauerstein, Hauptmann von Bose, Generalmajor Kloebe, Bürgermeister Dr. Gronover (in SA-Uniform), unbekannter Offizier

Bereits im Jahre 1933 – man stellte soeben die alte Germania wieder auf – hatte der Schriftleiter der Dorstener Volkszeitung und SA-Mann Alfons van Bevern die Idee, den »Lichtschlä­gern« ein Denkmal zu setzen. Die NSDAP griff den Gedanken gerne auf. Ein Denkmalausschuss, dem die Spitzen aus Partei und Verwaltung, Vertreter der Kaufmannschaft und Kriegervereine, der SS und SA angehörten, wurde alsbald gegründet. Durch den Vertrieb von über 15.000 »Bau­steinen« zu 10 Pfennigen das Stück, die hauptsächlich über die SA verkauft wurden, kam die Finanzierung der dreistufigen Eh­renmal-Anlage mit Findling und Trauerweide zustande. Vergeblich wurde auch Reichspräsident  Hindenburg um eine Spende gebeten. Bei ihm war nichts zu ho­len, wie sein Staatssekretär am 18. Mai 1934 mitteilte.

Natürlich gab es auch etliche Neid-Querelen unter den Dorstenern

Vertreter der Kriegervereine und Abordnungen der ehemaligen "Lichtschläger" bei der Kranzniederlegung

Da viele Bürger am Zustandekommen des Ehrenmals teilhaben wollten, kamen bald Querelen auf, die den »Vater« des Denkmals dazu veranlassten, am 16. März 1934 an den Ausschussvorsitzenden Dr. Wiethoff zu schreiben. Alfons van Bevern begründete in dem Brief seinen Rücktritt aus dem Aus­schuss damit, dass »heftige Kritik in der Dorstener Bürgerschaft« aufgekommen sei, weil er, van Bevern, kein echter Dorstener sei und sich zudem 1919/20 nicht an den Frei­heitskämpfen gegen den »roten Terror« be­teiligt hätte. Van Bevern konnte es nicht, weil er damals noch Schüler am Gymnasium Paulinum in Münster war. Auch stritten sich die Dorstener Verbände und Vereine über die Aufstellung ihrer Formationen bei der Einweihung. Die damals noch bestehende Ortsgruppe des »Stahl­helm« wollte sich von der NSDAP nicht vor­schreiben lassen, wo ihre Abordnung zu ste­hen hätte. Stahlhelm-Führer Plaar schrieb deshalb am 28. April 1934 an die NSDAP:

»Bei einem Aufzuge oder dergleichen stel­len wir uns selbst an den Platz, der uns gebührt. Träger des heutigen Staates sind die NSDAP und der Stahlhelm. Dementsprechend verlangen wir unsere Einreihung bei einem Aufzuge. Front Heil!«

Bald darauf wurde auch der »Stahlhelm« auf­gelöst und die Mitglieder in die SA-Reserve aufgenommen.

Ex-Freikorps-Hauptmann Lichtschlag, nunmehr in der SS-Uniform, am bekränzten Rednerpunlt

Bei der Einweihung waren alle Honoratioren vertreten

Am Sonntag, dem 24. Juni 1934, dem Tag der Denkmalweihe, zogen unter Führung von Bürgermeister Dr. Gronover und zu den Klängen der SA-Standartenkapelle die Ehrengäste durch das mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Dorsten. Am Ehrenmal hatten bereits Abordnungen der Reichswehr, Reichsmarine, Schutzpolizei, SA, SS, FAD und alte Freikorpskämpfer mit ihren Ange­hörigen Aufstellung genommen. Tags zuvor weihte die Festversammlung in Hervest-Dorsten den »Kohlmann-Gedenkstein« ein. Der Zechenbeamte Otto Kohlmann war während der Spartakistenunruhen erschossen worden. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Zu den Ehrengästen gehörten u. a. Ex-Hauptmann und SS-Führer Lichtschlag, Ge­neral Kloebe als Vertreter von Vize-Admiral Loewenfeld, Ex-General von Watter in kai­serlicher Pickelhaube, Graf von Merveldt, SA-Gruppenführer Giesler (SA-Gruppe Westfalen), SA-Standartenführer Artur Wagner (Hervest-Dorsten), Polizeipräsident Klemm (Recklinghausen), NSDAP-Gauinspekteur Barthel und NSDAP-Kreisleiter Plaggemann als Vertreter von Gauleiter Dr. Meyer. In markigen Reden beschworen SA-Führer Giesler, die Generale von Watter und Kloebe den Geist der Freikorpskämpfer von 1919, mit dem »ein neues Deutschland« begonnen habe.

Auch Lichtschlag huldigte dem Führer

Lichtschlag erinnerte an die Zeit, als er 1919 mit seiner Truppe als erster in die Ruhrgebietsregion einrückte, um »den Bolschewis­mus niederzukämpfen«. Als letzter Redner betonte Bürgermeister Dr. Gronover seine auch persönliche Ver­bundenheit mit den Loewenfeldern; er war schließlich einer von ihnen. Er schloss die Weihe mit einem Gedenken »an den greisen Generalfeldmarschall« und einer »Huldi­gung für den Schöpfer des Dritten Reiches, unseren Führer Adolf Hitler, Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!« Auch ein Freikorpskämpfer kam zu Wort:

»Wir sahen damals schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, die vom Haken­kreuz sang, um dann in der neuen Forma­tion des neuen Deutschland, in dem es nur einen Führer gibt, der Adolf Hitler heißt, weiter zu kämpfen für ein ewiges Deutsch­land.«

Engländer kippten das Denkmal in den Kanal

Heute erinnert nichts mehr an das von Natio­nalsozialisten errichtete und besungene Freikorps-Denkmal an der Kanalbrücke. Als die Engländer den Denkmalstein in den Kanal gekippt hatten, holten ihn die Dorstener wieder heraus, nachdem Taucher nach dem 100-Zentner-Stein gesucht hatten. Die Stadt stellte den Stein als Denkmal wieder auf, dieses Mal aber in den Anlagen am Westwall, wo er heute noch an die deutschen Kriegsgefangenen erinnert. Im Jahr 1968 wäre der Stein der Mahnung beinahe zum Stein des Anstoßes geworden, als ihn die Erler wiederhaben wollten. Denn die Dorstener Nazis hatten 1933 den Erlern den Findling abgenötigt.

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Freikorpssoldaten erschossen Rotarmisten 1920

Der Postbeamte Schröder führte über die Besetzung durch Spartakisten und Rote Ruhrarmee Tagebuch. Sein in Lüdinghausen lebender Sohn, Dr. Schröder, stellte das Manuskript zur Verfügung, aus dem hier Passagen zitiert sind, die über die Vertrei­bung der Kommunisten durch das Frei­korps Loewenfeld/Lichtschlag authenti­sche Auskunft geben. Wenn der Autor von »Regierungstruppen« schreibt, dann sind damit die Freikorpssoldaten gemeint. »In den Straßen der Stadt wurden von den Roten oft Schreckschüsse abgege­ben, und häufig ertönte der Ruf: „Stra­ßen frei!“. Am Samstag wurde das Ulti­matum  bekannt,  nach welchem die Reichstruppen die Räumung der Stadt (durch die Rote Armee) bis Montag, dem 29. März, um 5 Uhr nachmittags verlang­ten. Tatsächlich sah man mittags, wie sich die Rote Ruhrarmee zum Abmarsch bereit­ machte. Abends, um 8.14 Uhr, als ich aus der Fa­stenpredigt zurück kam, hieß es auf der Alleestraße plötzlich: »Straßen frei!« Im ersten Augenblick dachte ich an einen Überfall der roten Brüder. Bald darauf sah ich dann eine Truppe von Regierungssoldaten, die in die Stadt marschierte. In ihrer Mitte hatten sie vier Gefangene, die die Hände über dem Kopf halten mussten. Auf dem Marktplatz hat man ihnen befohlen, sich hinzuknien und folgendes Gebet zu sprechen:

»O lieber Gott im Himmel­reich, ich bitte dich, gib mir doch unsern guten Kaiser Wilhelm wieder und lass’ die Spartakisten nicht wieder hochkom­men.«

Man hat die Gefangenen dann er­schossen und die Leichen in die Lippe geworfen.

 

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Ein Kommentar zu »Kraftquelle des Marsches in eine lichte Zukunft« – Einweihung des Freikorps­denkmals an der Kanalbrücke 1934

  1. U.Heiß sagt:

    Auf dem zweiten Foto von oben neben Bürgermeister Dr. Gronover (in SA-Uniform) ist nicht wie beschrieben General von Watter (Foto-Vergleich bei Wikipedia) zu sehen. Wer dieser General sein mag, ist fraglich. Ich kann dies mit Bestimmtheit sagen, da ich ein Verwanter von General von Watter bin und ihn aus Familienfotos sehr gut kenne. MfG
    Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweis!

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