Walter Biermann: Meine Erinnerungen an die Kriegszeit in Dorf Hervest – Gesprengte Brücken

Der Himmel voller Flugzeuge

Obwohl ich erst im Kriegsjahr 1940 in Dorf Hervest geboren wurde, erlebte ich die ersten fünf Jahre meines Lebens sehr intensiv, denn sie waren die Kriegsjahre mit all den schlimmen Geschehnissen, wie ich sie erst später verstanden habe. Ich habe noch in Erinnerung, wie ich als drei- und vierjähriger bei Luftalarm in den nahen Bunker an der Glück-Auf-Straße Ecke Paulusstraße gebracht wurde. Meine Mutter erzählte mir später, wie wir, die Nachbarkinder Rolf, Walburga, Günter, Werner, Hansjürgen und ich dann stets um die Wette geschrien hätten. Im Bunker war es eng, kalt und feucht. Doch einen Sieger im Wettschreien gab es nicht.

Der Himmel war voller Flugzeuge

Ich kann mich noch an eine Szene besonders gut erinnern. 1944 wurden Flugstaffeln in den Westen verlegt, um gegen die in der Normandie gelandeten Alliierten eingesetzt zu werden. Eines Tages holte mich meine Mutter auf die Straße. Es dröhnte. Ich sah zum Himmel, der voller Flugzeuge war. Der  monotone Motorenlärm übertönte alles. „Jetzt greifen wir sie an“, sagten die Erwachsenen.

In unserem Dorf waren viele Soldaten in Gasthäusern und Bauernhöfen einquartiert, die in der Flakabteilung 403 auf dem alten Sportplatz an der Dorfstraße Dienst taten. Da wir nur eine Drei-Zimmer-Wohnung hatten, konnten wir keine Soldaten aufnehmen, obwohl ich mir das als kleiner Junge gewünscht hätte. Den im Dorf Hervest einquartierten Soldaten verdanke ich aber die ersten und einzigen Fotografien aus meiner frühen Kindheit des Jahres 1944. Ich war da gerade vier Jahre alt. Wir hatten Schafe und Lämmchen, die ich schon betreute und mit Ostereiern füttern wollte. Diese Bilder, welche die Soldaten uns schenkten, sind heute eine wertvolle Erinnerung.

Deutsche Feldküche auf dem Hof Schulte-Tenderich

Ich erinnere mich auch an die Zeit kurz vor Ende des Krieges, als die deutschen Soldaten auf dem Rückzug waren. Ich sah, wie Soldaten eine Kuhherde vor sich her trieben und auf dem Hof Schulte-Tenderich eine Feldküche aufbauten. Das war was für uns Kinder ein Abenteuer. Mein älterer Bruder Werner gab mir einen Topf, mit dem ich bei den Soldaten um Gulasch betteln sollte. Doch ich traute mich nicht. Ich stand mit meinem Topf nur still und schüchtern da. Das sah der Koch, der mir den Topf abnahm und ihn mit Suppe füllte. Ich schlich über den Kirchplatz, die Paulusstraße durch den Eichenbusch nach Hause, weil ich mich wegen des Topfes geschämt habe. Den Topf gab ich meiner Mutter.

Mein Bruder und ich inspizierten die gesprengten Brücken

Einmal gab es eine Explosion, als die nahen Lippe- und Kanalbrücken gesprengt wurden. Mein Bruder und ich inspizierten anschließend die zerstörten Brücken. Vor der Sprengung waren alle Flaksoldaten und andere über die Brücke in den späteren Ruhrkessel geflüchtet. Viele Gepäckstücke, Waffen, Gasmasken und andere Kriegsgegenstände ließen sie im Eichenbusch bis zur Pastorat zurück: eine Hülle und Fülle von Kriegsmaterial.

Wir und andere organisierten aus der alten Flakkommandostelle an der Dorfstraße alles, was nicht niet- und nagelfest war. Mein Bruder brachte auf einem Handwagen Wolldecken, Schreibmaschinen und als Krönung ein richtiges Radio, also keine „Goebbelsschnauze“, mit nach Hause. Doch mein Vater schickte all die schönen Sachen wieder zurück. „Bring es dahin, wo du es her hast!“ sagte er böse. Mürrisch zog mein Bruder mit dem Handwagen und den schönen Sachen darauf wieder ab. Er zog ihn durch den Eichenbusch zurück.

Noch heute habe ich ein Bild zu Hause, das in der Kommandostelle der Flakstellung 403 hing. Es ist der Druck eines Aquarells, das Adolf Hitler gemalt hatte, und zeigt eine zerstörte Verbandsstelle in Vormelles aus dem Ersten Weltkrieg. Dieses Bild hatte ich immer vor Augen, als ich später begriff, was Kriegszerstörungen anrichten. Doch für uns Kinder war die Kriegszeit mit allem Drum und Dran ein Abenteuer. Wir hatten dennoch, wenn ich darüber nachdenke, eine in Hervest für uns Kinder recht glückliche Zeit erlebt.

 

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