Das Hakenkreuz – vom frühasiatischen Glückssymbol über das germanische Sonnenrad zum Kennzeichen für Unterdrückung und Mord. Und andere NS-Symbolik

Fahnenschwinger vom Reichsarbeitsdienst (RAD)

Kein anderes politisches Symbol hat in Deutschland eine so starke Verbreitung gefunden wie das Hakenkreuz zwischen 1933 und 1945. Für die Deutschen war das Hakenkreuz im Alltag  allgegenwärtig. Es prangte in Stein gemeißelt von Gebäuden, auf Briefen der NSDAP und des Staates, auf Stoff gedruckt auf Fahnen und auf Papier-Fähnchen, es leuchtete als Kitsch am Weihnachtsbaum ebenso wie hoheitlich im Kranz, den der Adler in seinen Krallen hielt. Das Hakenkreuz vereinte Jung und Alt, Staat und Partei, Verbrechen, Mord und Antisemitismus. Friedrich W. Doucet in „Im Banne des Mythos“: „Bei den Menschen erweckt das Hakenkreuz heute noch schauervolle Erinnerungen. Es wurde für sie zum Symbol der Zerstörung und Vernichtung.“ Weiterlesen

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Das Heiligtum unter der aufgeblähten NS-Symbolik war die „Blutfahne“, die sowohl „suggestiven Zauber“ als auch pure Propaganda vermittelte

Friedrich Geißelbrecht

Friedrich Geißelbrecht, ein hoher NSDAP-Funktionär im Amt des NSDAP-Reichsschatzmeisters, wurde nach dem Krieg von den Amerikanern interniert und dann nach Dorsten entlassen, wo seine Schwester mit dem Berufsschuldirektor Richard Herpers verheiratet war. In Dorsten wurde Geißelbrecht entnazifiziert und als belastet (III) eingestuft. Er gehört zu den wenigen Nationalsozialisten, die mit Hitler am 9. November 1923 mit dem „Marsch zur Feldherrnhalle“ in München die junge Weimarer Republik stürzen wollten. Dies scheiterte. Die  mitgeführte Hakenkreuzfahne wurde daher im Dritten Reich als „Blutfahne“ wie ein Heiligtum verehrt – und damit Propaganda gemacht (siehe Geißelbrecht; siehe Entnazifizierung II).

Mit der Blutfahne werden auf dem Reichsparteitag in Nürnberg andere Fahnen undn Standarten geweiht

Fahnen waren ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Symbolpropaganda. Bereits zu Anfang seiner politischen Laufbahn erkannte Adolf Hitler mit Blick auf den Hauptgegner seiner „Bewegung“, den Marxismus, die Bedeutung einer eigenen Fahne für seine Partei, die NSDAP. Im Wissen um den „suggestiven Zauber“ (Hitler, Mein Kampf, S. 552), die Botschaften vermittelnde, Emotionen hervorrufende, Integration fördernde und Identität stiftende Wirkung von Symbolen, entwarf er 1920 die Hakenkreuzfahne, die daraufhin zur Parteifahne der Nationalsozialisten wurde. Im Rahmen des sich in der Folgezeit nach und nach ausformenden NS-Fahnenkults kam bald schon der „Blutfahne der NSDAP“, einer beim Putschversuch des Jahres 1923 mitgeführten Hakenkreuzfahne, eine herausgehobene Sonderrolle zu.

Fahnen-Delikt in der Dorstener Provinz 1938

Fahnen in der Film-Propaganda Leni Riefenstahls

Wie die Nationalsozialisten allgemein, so hatte auch die Filmemacherin Leni Riefenstahl die Hakenkreuzfahne zu ihrem propagandistischen Leitmotiv erklärte. Sie ist in ihren Filmen allgegenwärtig; sie ließ sie als omnipräsenten Stellvertreter des Führers unablässig in das Bewusstsein der Zuschauer flattern. Die Fahne signalisierte das Parteiprogramm; sie war das optische Komprimat nationalsozialistischer Ideologie. Die Fahne „ist die neue Zeit“, das Tausendjährige Reich. Der Mythos der Fahne ersetzt die Utopie. Die Fahne ist „das“ Symbol schlechthin und durch kein anderes zu ersetzen. „Ja, die Fahne ist mehr als der Tod“, heißt es im Marschlied der Hitlerjugend.

Eine Blutfahne gab es schon im Mittelalter

Blutfahne oder Blutbanner waren im Mittelalter eine rote Fahne, mit der die mit dem Blutbann verknüpften Reichslehen verliehen wurden. Diesen bereits im Heiligen Römischen Reich verwendeten Begriff der Blutfahne vereinnahmte die NSDAP für ihre Parteirituale. Blutfahne war nun die offizielle Bezeichnung für jenes Exemplar der Hakenkreuzflagge, das beim versuchten Hitler-Putsch gegen die Reichsregierung, dem von den Nationalsozialisten so genannten Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 mitgeführt worden war. Nach Vorstellung der Nationalsozialisten hatte sie durch das Blut der getöteten Putschisten eine besondere Weihe erfahren:

Als die Putschisten in Höhe der Feldherrnhalle auf die Bayerische Landespolizei trafen, die sich ihnen in den Weg stellte, kam es zu einem kurzen Schusswechsel. Im Kugelhagel des Gefechts starben 13 Putschisten, vier Polizisten und ein Unbeteiligter. Der Fahnenträger der 6. SA-Kompanie hatte sich während des Gefechts Deckung suchend zu Boden geworfen. Nach einigen Augenblicken des Wartens auf einen günstigen Moment zur Flucht erhob er sich und konnte mit seiner Fahne, auf der er zu liegen gekommen war und die inzwischen Blut der aus seiner Gruppe stammenden tödlich getroffenen Mitputschisten aufgesogen hatte, im Chaos des sich auflösenden Propagandazugs entkommen. Mit dem Ziel, seiner Verhaftung zu entgehen und die Beschlagnahme seiner Fahne zu verhindern, flüchtete er sich zu einem Freund in ein nahe gelegenes Wohnhaus. Hier wickelte er sich die blutbefleckte Fahne um seinen Körper und machte sich so mit ihr auf den Weg nach Hause, wo er sie versteckte. Nach der Haftentlassung Hitlers aus der Strafanstalt Landsberg Ende 1924 wurde ihm die Hakenkreuzfahne ausgehändigt. Die Fahne erhielt nun eine neue Spitze und Stange. Direkt unterhalb der Spitze wurde dabei eine silberne Widmungsmanschette angebracht, in welche die Namen der drei gefallenen Putschisten, deren Blut den Fahnenstoff getränkt hatte, eingraviert.

Die "Blutfahne" - Jahrestagfeier an der Feldherrnhalle in München mit den Größen des Reichs am 9. November 1933

Die „Blutfahne“ als Reliquie verehrt

Am 4. Juli 1926 übergab Hitler die „Fahne des 9. November 1923“ bei einer SA-Versammlung auf dem Reichsparteitag in Weimar der NSDAP als „Blutfahne“ und „Heiligtum der SA“. Seitdem wurden alle neuen Fahnen und Standarten der Partei durch Berührung mit dem Tuch der Blutfahne geweiht. Lange Zeit zum Schutz vor möglichem polizeilichen Zugriff in verschiedenen Privatwohnungen in München verwahrt, wurde die Fahne nunmehr zum Mittelpunkt des in der Geschäftsstelle der NSDAP im Hinterhaus der Schellingstraße 50 eingerichteten „Ehrensaales der SA“, ehe sie 1931 in der „Fahnenhalle“ des „Braunen Hauses“, des neuen Sitzes der Reichsleitung der NSDAP, Brienner Straße 45, ihren endgültigen Platz erhielt.

Hitler weiht mit der "Blutfahne" SA-Standarten in Nürnberg 1935

Die „Blutfahne“, die die Nationalsozialisten zur zentralen Reliquie ihrer Partei erhoben und der sie entsprechend eigene mythische Kräfte zusprachen, war unverzichtbarer Bestandteil des in pseudo-sakralen Ritualen inszenierten NS-Märtyrerkults, insbesondere bei den jährlichen Gedenkfeiern zum 9. November 1923 in München und bei den Jahr für Jahr wiederkehrenden Heldenehrungen auf den Reichsparteitagen in Nürnberg. Dass Hitler und seine Gefolgsleute mit ihrer „Blutfahne“ an eine ältere Symboltradition, namentlich die der Blutfahne des Heiligen Römischen Reiches, anzuknüpfen suchten, belegen die auf den Nürnberger Parteitreffen vorgenommenen Fahnenweihen, die zu den liturgischen Höhepunkten dieser Großveranstaltungen zählten: Hatte die rote Fahne des Alten Reiches, das Blutbanner, bis 1806 die mit dem Blutbann verbundene Belehnung mit Reichslehen besiegelt, so berührte Hitler auf den NSDAP-Parteitagen mit dem Tuch der „Blutfahne“ alle neuen Fahnen und Standarten der Partei, auf dass die ihr angeblich innewohnenden Kräfte auf die neuen Zeichen übergingen und so die unter diesen marschierenden Parteiformationen Teil des nationalsozialistischen Märtyrertums wurden.

Das weitere Schicksal der „Blutfahne“

Die von den Nationalsozialisten seit ihrer Machtübernahme 1933 vorangetriebenen Planungen zum Umbau Münchens zur „Hauptstadt der Bewegung“ sahen an der Stelle des Hauptbahnhofes ein monumentales „Denkmal der Bewegung“ vor. Im Zentrum dieses auf einen eigenhändigen Entwurf Hitlers zurückgehenden Bauwerks sollte in einer Art Reliquienschrein die „Blutfahne“ Aufnahme finden. Mit diesem Bauvorhaben beschäftigten sich die NS-Behörden noch 1944, doch das Projekt blieb unerledigt. Letztmalig war die Blutfahne bei der Beerdigung von Gauleiter Adolf Wagner am 17. April 1944 auf dem Königsplatz in München in der Öffentlichkeit zu sehen. Heute soll sich die einstige Partei-Reliquie im Besitz eines privaten Sammlers in Norddeutschland befinden.

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Quelle: Stark gekürzt und zusammmengefasst nach Bernhard Schäfer in Historisches Lexikon Bayern
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Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole 1933: Warnung der Politischen Polizei, geschmacklosen Hakenkreuz-Kitsch zu produzieren und zu verkaufen

Was für ein Kitsch: Hitlers Konterfei als Weihnachtsbaumkugell

Von Wolf Stegemann

Bevor und nachdem Hitler Reichskanzler geworden war und die NSDAP den Staat übernommen hatte, blühte der nationalsozialistische Kitsch auf, eine Gebrauchs- und Scheinkunst. Schmuck, Kästchen, Fingerhüte, Eierbecher, Kleiderknöpfe, Weihnachtskugeln, Weinflaschen, Schuhanzieher, Teller und Besteck sowie alles Mögliche wurde mit Hakenkreuzen, Führerbildern und der vielfältiger NS-Symbolik verziert, ausgestellt und verkauft. Weiterlesen

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NS-Ideologie: Das Schwein als Zeichen der arischen Kultur – Der Begriff Arier und die Nutzung im Dritten Reich

Unterstützungsmarke

Von Wolf Stegemann

Wörter haben nicht nur Gewalt, sondern auch die Eigentümlichkeit, dass sich ihre Bedeutung wandelt und zu Begriffen werden, die sich mit ihrem ursprünglichen Sinn nicht mehr decken. Gegen Ende des 18. Jahrhundert wurde das Sanskrit von der europäischen Sprachwissenschaft wiederentdeckt. Sie stellte ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem großen Sprachstamm der Menschen in einem großen Teil Asiens und fast ganz Europas fest. In Deutschland nannte man dies „indogermanisch“. Nebenbei kam der Name „arisch“ auf. Die deutsche Wissenschaft bezeichnete zudem die indisch-iranische Gruppe des gesamten Sprachstammes als „arische“ Gruppe zum Unterschied von den armenischen, albanischen, griechischen, keltischen und baltisch-slawischen Sprachen. Weiterlesen

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Der „Ariernachweis“ bestimmte die Karriere, richtete auch über Leben und Tod. Die Kirchen leistete dem Regime Amtshilfe

"Arier-Nachweis" im landeskirchlichen Archiv Nürnberg

W. St. – Rechtsgrundlage für den Abstammungsnachweis, der bald im Volksmund „Arierparagraf“ hieß, war Paragraph 3 im Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Es war das erste rassistisch begründete Gesetz im Deutschen Reich seit 1871, das zugleich die Unmöglichkeit und Willkür einer rassischen Definition von „Judesein“ bewies. Denn seine erste Durchführungsverordnung vom 11. April 1933 bestimmte: Weiterlesen

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