Agnes Hürland-Büning (†) erinnerte sich an ihre Volksschulzeit. In Reih und Glied Kartoffelkäfer gesammelt

Staatssekretärin Agnes Hürland-Büning

1932 wurde ich eingeschult. Die zuständige Volksschule war die Bonifatiusschule. Es war eine katholische Volksschule. Außer dieser gab es noch die katholische Antoniusschule im Dorf Holsterhausen. Beide Schulen hatten den gleichen Namenspatron wie die Kirchen. Für die Kinder evangelischen Glaubens gab es die Wilhelmschule an der Pliesterbecker Straße und die Baldurschule am Söltener Landweg.

Der Einfluss des Nationalsozialismus in der Schule war unübersehbar. Wir sollten alle in den Bund Deutscher Mädel (BDM) eintreten. Ich durfte nicht. In der ganzen Schule waren es nur ein Dutzend Kinder von 800, die weder in die Hitlerjugend noch in den BDM eintreten durften. Alle anderen trafen sich nach der Schule in verschiedenen Altersgruppen, zogen in Zeltlager und trieben gemeinsam Sport und machten Spiele. Das Interessanteste war die Uniform: schwarzer Rock, weiße Bluse, Berchtesgadener Strickweste und weiße Söckchen. Für besondere Anlässe gab es eine braune Jacke aus samtähnlichem Stoff oder Lederimitation. In erster Linie wurde nationalsozialistisches Gedankengut vermittelt. Die Führerinnen bekamen eine besondere Ausbildung in Recklinghausen. Unser Ortsgruppenleiter der NSDAP war Lehrer Schwarz, der mit Einführung der Gemeinschaftsschule an die Bonifatiusschule versetzt worden war. Er war vorher an der Wilhelmschule, also evangelisch. Vater sagte: „Den haben die euch nur zum Aufpassen geschickt!“

Bonifatiusschule in Dorsten-Holsterhausen

Kreuze aus den Klassenräumen entfernt

1938 wurden die Kreuze aus den Schulklassen entfernt. Sie waren über Nacht verschwunden. Die Nachbarn vom Söltener Landweg wollten Unterschriften sammeln mit der Forderung, die Kreuze wieder aufzuhängen. Vater sagte laut und vernehmlich: „Sollen die doch unterschreiben, die den gewählt haben [gemeint war Hitler], ich nicht!“

Im Sommer gab es einmal im Monat einen Wandertag. Diejenigen, die nicht in der HJ oder im BDM waren, durften daran nicht teilnehmen, sie mussten ordentlichen Schulunterricht absolvieren. Daher weiß ich, dass nur sehr wenige Kinder der (katholischen) Bonifatiusschule nicht den NS-Jugendorganisationen angehörten.

Die Blut- und Bodenideologie der Nazis beigebracht

Am 1. September 1939 kam der Krieg. Unsere Schule musste für die Einquartierung von Soldaten frei gemacht werden. Ab sofort war der Unterricht sehr unregelmäßig, einmal in der Wilhelmschule, dann wieder in der Baldurschule. Es war ein sehr kalter Winter von 1939 auf 1940. Wir sind richtig durch den Schnee gestapft, sind „geschlindert“ und Schlitten gefahren.

Agnes mit ihrem Bruder Hubert (Oleynik)

Die Nazis hatten eine Blut- und Bodenideologie. Rektor Franz-Josef Kellner erklärte uns das so: Wenn man einen neuen Baum pflanzt, dann nehme man das Blut vom Rind oder vom Schwein, vermenge die Ackerkrume mit dem Blut und setze in diesen zunächst flüssigen Boden den Baum in eine verbreiterte Grube. Das Blut werde trocknen, das Blut binde und der Baum werde hervorragend gedeihen. So bindet auch das Blut der Deutschen die Deutschen untereinander. Dieses nordische Blut und der Boden seien unser größtes Kapital. Man könne aber nur Blut von gesundem Vieh nehmen, sonst werde der Baum krank. Nur gesunde Menschen sollten miteinander heiraten, arische am besten, sonst gebe es kranke Kinder. –

Ich glaube, dass ich in dieser Zeit zum ersten Mal etwas von „lebensunwertem“ Leben hörte. Nur in einem gesunden Körper könne ein gesunder Geist wohnen, war ebenfalls ein NS-Schlagwort. Kellner erzählte auch viel von den heidnischen Göttern, von Donar und Thor, von Freya, der der Freitag geweiht ist. Jung-Siegfried sollte das Vorbild der Jungen sein. Rektor Kellner erklärte uns weiter, dass die alten Germanen einen sehr gesunden Menschenverstand hatten und schon nach der Geburt des Kindes eine Auslese vorgenommen hätten. Sei das Kind geboren worden, hätte die Hebamme das Kind zu Füßen des Vaters legen müssen, der dann entschied, ob das Kind gesund und lebensfähig oder krank, behindert und somit nicht lebensfähig sei. Nach diesem Augenschein wurde das Kind entweder er Mutter zurückgebracht oder getötet.

Schulrat Brock kam zur Visitation

Eines Tages kam Schulrat Brock zur Visitation in unsere Klasse. Visitation war ein ganz schwieriges Wort und so war es wahrscheinlich auch eine bedeutsame Sache, wenn  der Schulrat in die Klasse kam. Jedenfalls war ich sehr aufgedreht und habe die ganze Schulstunde gerettet, weil kaum jemand eine Frage des Schulrats beantwortet konnte. Der Schulrat wollte uns deutliche machen, dass wir Deutschen mit unserer Kultur, mit unserem Wissen, mit unserer Technik auf einem sehr hohen Stand wären und dass es so etwas kein zweites Mal gäbe in der Welt. Er fragte: „Warum können die Neger keinen Kölner Dom bauen?“ Ich meldete mich und antwortete: „Weil sie keinen Sand haben!“

Johannes Brock, Schulrat i. R.

Die ganze Klasse lachte. Schulrat Brock hat zunächst auch gelacht und dann doch eine Erklärung gefunden, die mich vor der Blamage dieser Antwort rettete. Wie er das allerdings gemacht hat, weiß ich heute nicht mehr. Ich hatte seine Reaktion aber für wohltuend für mich empfunden.

Fräulein Schmeken hat hinterher meinen Eltern erzählt, dass ich sie „rausgerissen“ hätte. Dadurch, dass ich mich auf alles gemeldet hätte, hätte der Schulrat erkannt, dass sie im Unterricht den ganzen Stoff durchgenommen hatte, sonst hätte ich ja nichts wissen können.

Mich selbst hat die Unterrichtsstunde mit dem Schulrat sehr aufgeregt. Ich hatte zwei Tage lang Kopfschmerzen und Erbrechen. Entgegen sonstiger Gewohnheit bin ich nach diesen zwei Fehltagen von Fräulein Schmeken sehr freundlich und nicht harsch empfangen worden.

Es muss 1938 gewesen sein, als in Deutschland plötzlich Kartoffelkäfer auftraten. Die Käfer fraßen die Blätter er Kartoffelpflanze, was die Ernte zunichte machte. Daher wurden wir für das Volkswohl zu den Kartoffeläckern geschickt und mussten dort die Kartoffelpflanzen nach diesen Schädlingen absuchen. Unsere Klasse war immer in Üfte eingeteilt. Zu Fuß ging es von der Bonifatiusschule an der Königsstraße, heute Martin-Luther-Straße, über das Dorf Holsterhausen nach Schermbeck-Üfte. Auf dem Acker mussten wir uns dann in eine Kartoffelreihe stellen und sie systematisch nach den Käfern absuchen. Für uns Kinder waren die Felder furchtbar groß. Mittags war er Rückweg zur Schule sehr anstrengend, denn das ständige gebückte Laufen durch die Kartoffelreihen war schon sehr strapaziös.

Die Schulentlassung war im Frühjahr 1940 sehr früh. Ostern fiel auf den 24. März und am 16 März war bereits die Entlassungsfeier. Da ich wieder ein Gedicht aufsagen musste, hatte Mutter mir ein neues Kleid genäht: Es war rosarot mit eckigem Ausschnitt und hatte über der Brust querlaufend Plissee. Ich war stolz. Die Reden der Lehrer wurden umrahmt mit Liedern der unteren Klassen. Entlassen wurde aus der 8. Klasse. Nun begann der Ernst des Lebens.

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  • Der gesamten Text ihrer Erinnerungen an die Volksschulzeit in Holsterhausen von 1932 bis 1940 ist in Heft 6 der „Holsterhausener Geschichten“ veröffentlicht.


 

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