Kriegschronik der Paulusschule in Hervest: Einquartierungen, Schanzarbeiten, Kräutersammeln, Spreng- und Brandbomben, Flüchtlinge, Krankenhaus

Editorische Vorbemerkung: Obwohl dieser Originaltext der Schulchronik gekürzt wurde, ist er sehr umfangreich geblieben. Das ist der authentischen Darstellung eines Schulbetriebs in der Kriegszeit zwischen Unterricht,  Schanzarbeiten der Schüler und Einquartierungen von Soldaten  sowie einer detaillierten Darstellung der Bombenangriffe auf Hervest geschuldet.

1939 – Militär beschlagnahmte die schuleigene Jugendherberge

Am 18. April führte man in Hervest die Gemein­schaftsschule ein. Die Änderung brachte eine Umwälzung für die Paulusschule. Neben 58 Kindern der Josefschule wurden 33 Kinder der ev. Augustaschule an die Paulusschule überwiesen. Damit stieg die Zahl der Kinder auf 197. Diese konnten nun nicht mehr in 3 Klassen untergebracht werden, und so wurde jetzt die vierte Klasse eingerichtet. Als Lehrer kam Herr Max Freiberger aus Gelsenkirchen-Ückendorf […]. Mit der Neuordnung der Schulverhältnisse erhielten sämtliche Schulen von Hervest neue Namen. So benannte man unsre Schule „Ludwig Knickmann-Schule“. Dieser Name wurde deshalb gewählt, weil Ludwig Knickmann während des Ruhrkampfes in Alt-Hervest mit seinen Kameraden oft Unterkommen fand und ver­pflegt wurde.

Das alte Gebäude der Paulusschule Anfang der 1930er Jahre

Am 1. September begann der Krieg mit Polen. Aus diesem Grunde wurden die Ferien von der Regierung bis zu einem unbestimmten Zeitpunkt verlängert. Die Schuljugend blieb aber während der Ferienverlängerung nicht müßig. Die Kna­ben der Oberstufe mussten zuerst die Luftschutzgräben auswerfen. Daran arbeiteten sie mehrere Tage. Darauf begannen wir mit der Herrichtung des Schulgartens. Der von der Gemeindeverwaltung gelieferte Lehm wurde auf die neue Gartenfläche ver­teilt. Die Mädchen und die Kinder der unteren Jahrgänge sammelten Heilkräuter.

Am 16. September traf die Nachricht ein, dass die Schulen am 18. September zu beginnen hät­ten. Zuvor mussten aber Luftschutzvorrichtungen getroffen werden. Zu diesem Zweck wurden die Räume der Badeanstalt abgedichtet. Die Fenster wurden teilweise zu­gemauert, teilweise mit Brettern, Rasen und Erde zugedeckt. Auch hier helfen die Kinder fleißig mit.

Am 18. September begann der Unterricht. Daneben begann auch die Sammeltätigkeit sofort wieder. Namentlich sammelten wir Brombeerblätter. Auf Veranlassung des Ortsbauernführers Einhaus begannen die Herbstferien schon am 2. Oktober. Die Kinder sollten bei der Kartoffelernte helfen, denn die Arbeitskräfte fehlten. Die Ferien dauerten bis zum 7. Oktober.

Am 27. Oktober wurden eine Klasse und die Jugendherberge vom Militär beschlag­nahmt. In ihnen wurden Massenquartiere eingerichtet. Die ersten Truppen, die ein­trafen, waren vom 31. Pionierbataillon aus Höxter. Sie kamen von Warschau und sollten hier Erholung und Ruhe finden. Sie blieben aber nur bis zum 6. Novem­ber. Nur wenige Tage blieben die Räume frei. Dann wurden sie von neuen Truppen be­legt. Jetzt waren es Soldaten eines Pferdelazaretts. Die Pferde wurden in Ställen und Scheunen des Dorfes und der Orthöve untergebracht, die Soldaten kamen in Mas­senquartiere. Das Konferenzzimmer diente als Vorratsraum, und auf dem Schulhof wurden die beiden Feldküchen aufgestellt. Ein reges Leben entstand im Schulge­bäude, aber der Unterricht erlitt keine Unterbrechung und Störung. Die Soldaten ge­hörten der Pommerschen Landwehrdivision „von Thienemann“ an und stammten fast restlos aus Stettin und Umgegend. Alle waren Teilnehmer des Weltkrieges 1914/18. Am 29. Dezember verließen sie Hervest. In den letzten Tagen des alten Jahres blieb Hervest-Dorf von Truppen frei.

Kollegium: I. Heithoff, A. Bücker, K. Wiemeyer (v. l.); Foto entn. HKL 2004

Vor Weihnachten setzte eine starke Kälteperiode ein. Am Tage danach  begann es morgens sehr stark zu schneien. In wenigen Stunden lag der Schnee 15 bis 20 cm hoch. Er blieb liegen und lag auch noch beim Übergang ins neue Jahr. Es war auch gut so, denn es wurde sehr kalt.

 

1940 – Stets neue Truppenbelegungen in der Schule – Erste Bomben fielen

Die Ende des Jahres einsetzende Kältewelle brachte Ende Januar Kältegrade bis zu 25 Grad. Die Kältewelle hielt bis zum Aus­gang des Februars an. Dann trat allmählich Tauwetter ein. Einen solchen Winter kannten selbst die ältesten Leute nicht.

Vom 22. Februar bis Ostern gab es neue Einquartierungen. In der Schule beschlagnahmte man die Jugendherberge, Klassenräume und das Lehrerzimmer. Die Truppen gehörten einer sächsischen Division an, die sich auf Durchmarsch nach We­sel befand. Sie legten die Wege bei Nacht zurück, am Tage waren sie in den Quartieren. Der Durchmarsch dauerte vier Tage, dann wurden die Räume freigege­ben. Die Klasse Bücker war nur einen Tag benutzt. Schon einen Tag später, am 25. Februar, belegten neue Truppen die Räume. Diese Soldaten gehörten einer motorisierten Kavallerie-Division an. Es war eine Schwadron mit Infanteriegeschützen, die im Dorfe Hervest ein Unterkommen fand. Diese Truppe blieb bis zum 12. März. Kaum vier Tage blieb die Schule von Soldaten frei, denn schon am Abend des 16. März trafen neue ein. Diesmal waren es Angehörige einer Panzerdivision, und zwar einer Divisions-Nachrichtenabteilung. Sie blieben über die Ostertage in Hervest und nahmen die Jugendherberge, den Klassenraum Freiberger und das Lehrer­zimmer in Beschlag.

Ostern wurden 31 Schüler aus der Schule entlassen und zwar 14 Knaben und 17 Mädchen. In einer Feierstunde wurden sie schon am 16. März verabschiedet. Die Ostertage brachten ein recht schönes, fast zu schönes Frühlingswetter. Es war gleichsam, als wolle die Natur den furchtbar strengen Winter schnell in Vergessen­heit bringen. Am 28. März begann das neue Schuljahr. Neu aufgenommen wurden 9 Jungen und 15 Mädchen. Die ersten Schulwochen verliefen ruhig. Das gute Einvernehmen mit den einquar­tierten Soldaten blieb bestehen, obwohl manche Rücksichtnahme erfolgen musste.

Einquartierte Soldaten

Als am 9. April urplötzlich die Nachricht über die Besetzung Norwegens eintraf, glaubten die Soldaten, sie würden sofort abrücken. Sie hatten des Öfteren Alarmübungen, aber immer kehrten sie wieder zurück. Es verdichteten sich die Gerüchte über den Beginn großer Kampfhandlungen.

9. Mai. Plötzlich kamen für die Truppen der Alarm und damit der Befehl zum Abrücken.  Zwar vermutete man, dass es zum Abmarsch und Angriff komme, keiner konnte aber etwas Genaues sagen. Zur Aufhebung des Abmarschbefehls kam es diesmal nicht mehr, und damit wurde zur Gewissheit, was man schon immer vermutete: es beginnt der neue Angriff auf die Westmächte. Beim Abmarsch, der um 23.30 Uhr erfolgte, konnte noch kein Offizier und Soldat etwas über die Absichten der Obersten Heeresleitung sagen. Gespannt begab sich an diesem Abend die Bevölkerung von Hervest zur Ruhe.

Nach dem Nationalsozialisten Ludwig Knickmann war die Schule bis 1945 benannt, der vor 1933 in Hervest Unterschlupf vor der Polizei gefunden hatte.

Am Morgen des 10. Mai weckte mächtiges Motorengebrumme die Menschen aus dem Schlaf. Kaum brach die Morgendämmerung an, sagte ein Blick mit noch schlaftrunkenen Augen aus dem Fenster genug. Am fahlblauen Himmel zogen riesige Geschwader aller Arten Flugzeuge nach Westen, ruhig und zuversicht­lich. Man begann zu zählen: 3, 9, 27, 87… 100 … 200 usw. und immer noch erschienen neue Flieger am östlichen Horizont. Jetzt wurde es jedem zur Gewissheit: Der Kampf im Westen hat begonnen. Um 10 Uhr war Schulschluss, denn es begannen die Pfingstferien. Wir waren noch nicht zu Hause, da brachten Kinder die Nachricht „Bei Schrudde-Brockhaus in Wenge ist ein deutsches Transportflugzeug gelandet, das über den Flugplatz in Den Haag in Holland schwere Treffer erhalten hatte und deshalb umkehren musste. Damit waren alle Zweifel behoben, man wusste, der Vormarsch der deutschen Truppen zum Schutze unseres heimischen Industriegebietes erfolgte durch Holland und Belgien. Nach den Pfingstferien, die nur wenige Tage dauerten, war die Schule von Soldaten frei und der Unterricht konnte ohne Hemmungen und Störungen erteilt werden. Es war für uns Lehrpersonen ein recht angenehmes Gefühl, mit den Kindern allein die Schulräume und den Schulplatz benutzen zu können, denn über 6 Monate hauste das Militär in der Schule. Leider war unsere Freude nur von kurzer Dauer. Mit dem deutschen Angriff im We­sten begannen die feigen Luftangriffe der Engländer bei Nacht und aus großen Hö­hen auf die Bevölkerung des Ruhrgebiets. Zum Schutz der Einwohner setzte die Oberste Heeresleitung um Hervest mehrere Batterien schwerer Flakartillerie ein. Der Abteilungsstab bezog in Hervest Quartier und schon beschlagnahmte man wieder die Klasse Freiberger und das Lehrerzimmer. Der Schulplatz wurde Parkplatz und Küchenplatz. Wiederum mussten wir mit den Soldaten die Schule teilen.

25. Juni. Die Luftangriffe der Engländer mehrten sich, als Frankreich den Waffen­stillstand mit Deutschland abschloss, obwohl durch diese feigen Angriffe, die immer bei Nacht und aus großen Höhen erfolgten, keine wesentlichen Schäden entstanden sind, so wurde doch die Bevölkerung stark beunruhigt. Besonders auf die Kinder wirkte es sich nachteilig aus, dass sie jede Nacht in ihren unbedingt benötigten Schlaf gestört werden. Um den Ausfall an Nachtruhe zu ersetzen, legte man zunächst den Unter­richtsbeginn um 10 Uhr fest. Bald wurde aber schon angeordnet, dass die Schulzeit um 9 Uhr beginnen müsse. Alle die Maßnahmen stellten aber nur Stückwerk dar, den Kindern und auch den Lehrpersonen war nur wenig oder gar nicht geholfen.

Am 17. September endeten die Ferien. Auf Anordnung des Herren Regierungspräsi­denten durften aber nur drei Unterrichtsstunden gehalten werden. In der Zeit, als die Ferien verlängert waren, blieben Lehrpersonen und Kinder nicht müßig. Jeden Mor­gen versammelten sich die Kinder an der Schule und sammelten allerlei Heilkräuter. So kamen beträchtliche Mengen zusammen, die in den Klassenräumen vorschrifts­mäßig getrocknet wurden. Die Lehrkräfte beaufsichtigten die Sammlung. An Nach­mittagen stellten sich Kinder und Lehrpersonen den Bauern zum Flachsziehen zur Verfügung. Auch die Ährenlese brachte schöne Erträge. So half die Schule mit, die Front in der Heimat zu stärken, und die unfreiwillig aufgezwungene Ferienverlängerung wurde so nutzbringend verwertet.

Am 12.  November räumte die Flak-Abteilung auf Antrag des Schulleiters den Raum der dritten Klasse. Das Lehrerzimmer und die Jugendherberge wurden noch nicht frei. Ebenso blieb der Wagenpark noch auf dem Schulplatz. Die Räumung wurde nötig, da der Herr Lehrer Freiberger seine Entlassung aus dem Heeresdienst ankündigte. Eine schwere Sturmnacht, wie sie seit Menschengedenken nicht vorkam, erlebten wir vom 13. zum 14. November. Ungeheure Schäden richtete der Sturm an. Am Schuldach wurden wohl einige hundert Ziegel herab gerissen, zwei eiserne Dachfen­ster lagen am Morgen auf dem Schulplatz. Traurig sah es in unseren schönen Kie­fernwäldern in der Umgebung des Dorfes aus. Dicke Stämme waren geknickt oder abgedreht wie Streichhölzer.

In der Nacht vom 17. zum 18. November fielen in der Nähe der Schule, auf Richters Feld am Holtrichterweg, zwei englische Bomben. Ebenso fielen zwei Bomben zwischen Rohlof und dem Hause Pommerin. Ein Blindgänger landete in dem klei­nen Tannenwäldchen an Höltings Hof, in dem Dreieck zwischen dem Holtrichterweg und der Friedhofstraße (westlich Holtrichterweg).

Bis Ende November musste jede Schule über den Einsatz der Kinder in der Erntezeit berichten. Unsere Schule konnte melden, dass 138 Kinder 1.581 Tage gearbeitet hat­ten. Das ergab einen Durchschnitt von 11,45 Tage. Der Rest des Jahres verlief für unsre Schule ohne wesentliche Ereignisse.

Flakhelferin Walburga Kistowski verheiratete Heubeck

Flakhelferin lernte in einer filmreifen Szene ihren Mann kennen

Ein Ereignis, das nicht in der Schulchronik steht, ist das filmreife Kennenlernen eines Flaksoldaten mit einer Dorstener Flakhelferin in der Paulusschule. Die Tochter des mit vielen Ehrungen bedachten Holsterhausener Turners Alfred Kistowski, Walburga (geb. 1924 in Holsterhausen), ging auf die Wilhelmschule. Mit 14 Jahren verließ sie Holsterhausen, um bei Uelzen 1938/39 ihr „Pflichtjahr“ in einem Büro abzuleisten. Danach ging sie nach Wulfen, arbeitete kurz in einem Lebensmittelgeschäft und wurde dann zusammen mit ihrer Freundin Flakhelferin zuerst nach Wulfen, dann in der Paulusschule. Dort lernte sie ihren Mann kennen: Dazu Walburga Heubeck, die seit 1944 in Nürnberg lebt:

„Unser Flak-Stab war in der Schule untergebracht, dessen Dielenbretter gerade frisch eingeölt waren und furchtbar gestunken hatten. Da betrat ein schneidiger Fähnrich mit blank geputzten Stiefeln das Kartenzimmer, rutschte auf dem glatten Bretterboden aus, wedelte mit den Armen in der Luft, um sein Gleichgewicht zu halten, fiel dann aber der Länge nach hin. Seine Militärmütze rollte bis zur Wand. Ich erschrak heftig, ging auf den am Boden Liegenden zu, um ihm aufzuhelfen, da rutschte ich ebenfalls aus und fiel auf ihn drauf! Danach habe ich mich tagelang sehr geniert!“

Die 88-jährige Witwe lachte, als sie sich an diese Begebenheit erinnerte. Weihnachten 1944 hatte sich Walburga Kistowski mit ihrem so unsanft kennen gelernten Soldaten und im Zivilleben als Studienrat tätigen Dr. phil. Alfred Heubeck, im Hause Kistowski in der damaligen „Straße der SA“ Nr. 30 in Holsterhausen verlobt. Im Februar heiratete der inzwischen zum Leutnant beförderte Flaksoldat seine Walburga. Da der Holsterhausener Pfarrer Ernst Krüsmann zum Militär eingezogen war, wurde das Paar kirchlich vom Militärpfarrer, einem Major des Flakregiments 403, in der Martin-Luther-Kirche getraut. Das Hochzeitspaar zog danach nach Nürnberg, wo die Witwe heute noch lebt. – Weiter mit den Darstellungen in der Schulchronik:

1941 – Fast jede Nacht feindliche Fliegerangriffe

Hart trat auch in diesem Winter das Wetter auf. Eisige Kälte, riesige Schneemassen, starkes Glatteis waren seine Kennzeichen. Dem Schulunterricht tat aber alles keinen Abbruch, denn die Schulverwaltung hatte vorgesorgt, dass es nicht an Heizmaterial fehlte. Bei diesen Witterungsverhältnissen kamen auch die englischen Flieger nicht mehr oft, so dass sich die Bevölkerung etwas beruhigen konnte. Im Frühjahr kam für die Schule eine wichtige Änderung. Durch Erlass der Regierung setzte man den Schluss des Schuljahres auf den letzten Schultag vor und den Anfang des neuen Schuljahres auf den ersten Schultag nach den Sommerferien fest. Zu Ostern werden in den ersten Jahren alle die Schüler und Schülerinnen entlassen, die auch zu Ostern aufgenommen wurden. Die Schule hatte durch die Belegung mit Soldaten sehr schwer gelitten. Alle maßge­benden Stellen waren sich darüber einig, dass etwas getan werden müsse, um sie wieder in Ordnung zu bringen. Bemühungen, das Militär aus der Schule zu bekommen, verliefen ergebnislos. Von der Amtsverwaltung wollte man auf jeden Fall mit den Erneuerungsarbeiten beginnen.

Während der ganzen Schulzeit dieses Jahres sammelten die Kinder fleißig Altmaterial und sobald die ersten Heilkräuter heranwuchsen, auch diese. Das Ergebnis der Sammlung musste dem NSLB (NS-Lehrerbund) gemeldet werden.

Ende Juni ordnete die Regierung an, dass der Unterricht an allen Tagen um 8 Uhr zu beginnen habe, wenn kein Fliegeralarm gewesen sei. Bei Alarm solle der Unterricht wie sonst, also um 9 Uhr beginnen. Da die englischen Flieger aber fast in jeder Nacht erschienen, begannen wir auch meistens um 9 Uhr. Am 17. Juli war der erste Ferientag der Sommerferien. Alle Kinder wurden geimpft. Eine neu nach Hervest kommende Flak-Abteilung beschlagnahmte zwei Klassenräume. Trotz allen Einspruchs ließ sich die Beschlagnahme nicht verhindern.

Die Bombenangriffe auf Hervest nahmen von Monat zu Monat zu.

In der Nacht vom 7. zum 8. August erlebte Alt-Hervest einige schreckliche Stunden. Von 1.30 bis 3 Uhr kreisten ununterbrochen die feindlichen Flugzeuge über dem Dorfe. Zwei Flugzeuge warfen je drei Bomben. Eine Bombe fiel auf den Hindenburg Platz, etwa 50 Meter östlich der Schule nieder. Sie riss einen ungeheuren Trichter, aber richtete sonst keinen Schaden an. Eine Bombe des gleichen Flugzeuges traf den Weg hinter dem alten Dorffriedhof. Auch diese bildete einen mächtigen Trichter. Die dritte Bombe war ein Blindgänger. Das zweite Flugzeug warf seine Bomben nördlich und südwestlich der Höfe Pörtken (Höltings Hof) ab. Auch diese beschädigten nur Felder mit Kartoffeln. Hervest hatte Glück gehabt.

NS-Propaganda-Plakat

Am 8. September begann der Unterricht nach den Sommerferien. Zum ersten Mal fand die Einschulung der Schulneulinge zum Herbsttermin statt. Es wurden aufgenommen 30 Kinder, 19 Knaben, 11 Mädchen. Die Schule zählte 193 Kinder, 15 Kinder befanden sich in der Kinderlandverschickung. Im Herbst veränderte sich nichts. Im Dezember setzte eine scharfe Kältewelle ein, mit der wir in das Jahr 1942 eingingen.

1942 – Schüler und Schülerinnen sammelten Heilkräuter und Altmaterial

Der Januar brachte uns große Kälte, Höchststand 33 Grad unter Null, und schwere Schneefälle. Viele Schulen mussten Kälteferien einlegen. Zu Ostern entließ die Schule 15 Kinder, 11 Mädchen und 4 Knaben. Sofort nach den kurzen Osterferien begann die Sammlung der Heilkräuter, ebenso wurde Altmaterial gesammelt.

Am 26. Juni fanden die Leistungsschauen in der Leibeserziehung für die Schulen von Hervest auf dem Gemeindesportplatz statt. Die Schule stellte in zwei Klassen je einen Sieger. In der Klasse der 12 bis 13 jährigen Knaben siegte Gerhard Künsken, in der der 10- bis 11-jährigen Mädchen siegte Marianne Grüger.

Herbst bis Weihnachten. Im schulischen Leben änderte sich während der Zeit nichts. Es wurden nur die Pflichtfußballspiele zwischen den Schulen der Gemeinde Hervest ausgetragen. Trotz aller Anstrengungen und Aufopferung der spielenden Jugend konnte unsere Mannschaft zu keinem Sieg gelangen. Die kleinen Systeme stehen hier immer im Nachteil, denn es fehlt die Auswahl.

1943 – Starke Bombardierungen mit Brand- und Sprengbomben

Mit Beginn der Besserung in der Wetterlage nahm die Tätigkeit der feindlichen Flieger stark zu. Auch unser Dörfchen sollte wieder seinen Teil abhaben, obwohl wiederum kein größerer bzw. überhaupt kein Schaden eintrat. In der Nacht zum 1. Mai fielen 3 Bomben bei Große-Voßbeck. Sie fielen in den Garten, der vor dem Hause liegt und zerstörten ihn vollständig. Das Haus selbst erlitt auch schwere Schäden, aber es blieb bewohnbar. Ein schwerer Angriff erfolgte in der Nacht vom 12. zum 13. Mai im Zusammenhang mit einem Großangriff der Feinde auf das Industriegebiet. In dieser Schreckensnacht warfen die Bomber in näherer und weiterer Umgebung unzählige Brandbomben ab. Ein Reihenwurf von Brandbomben erfolgte südlich des Dorfes vom Hofe Richter gleichlaufend zur Lippe bis südlich Einhaus-Bergmann. Auf dem Gebiete von Hervest richteten sie keinen Schaden an, während südlich der Lippe das alte Haus des früheren Fährmanns Bromkamp von 4 Brandbomben getroffen wurde und trotz aller Löschversuche abbrannte. Zu gleicher Zeit fielen zwei Sprengbomben südlich des Hauses Franz Lensing an der Ellerbruchstraße. Auch sie richteten nur Schaden am Gelände an. Reihenwurf von Brandbomben erfolgte dann noch in den Brüchen und in der Großen Heide. Schaden verursachten sie nicht. In der Nacht zum 13. Mai warfen die Feinde unzählige Flugblätter. Von der Polizei und der Ortsgruppenleitung der Partei erhielt die Schule den Auftrag, die Blätter zu sammeln. In zwei bis drei Stunden trugen die Kinder einen großen Handwagen voll Flugblätter zusammen.

Den bisher schwersten Fliegerangriff musste das Dorf in der Nacht vom 27. zum 28. Mai über sich ergehen lassen. Wohl eine Stunde lang überflogen feindliche Bomber das Gebiet. Sprengbomben fielen 6 Stück auf das Grundstück des Bauer Kemna südlich der Halterner Straße, 2 Stück auf das Gelände des Bauern Mach zwischen der Bahnstrecke nach Haltern und den Bruchweiden, also nördlich der Bahnstrecke nach Haltern. Eine Luftmine fiel östlich des Hofes Schrudde-Brockham in Wenge. Außer Flurschaden entstand bis auf Zerspringen einiger Fensterscheiben kein weiterer Schaden.

Der Himmel voller Flugzeuge im Abwehrfeuer

Beim Dorfe kam dann ein Reihenwurf von mehreren hundert Brandbomben zu Boden. Eine dieser Brandbomben traf das Schuldach. Sie entzündete sich, konnte aber von den Soldaten gelöscht werden, bevor sie Schaden anrichtete. Nur ein Dachsparren war angekohlt. Die Häuser der Lehrpersonen A. Bücker und  K. Wiemeyer wurden auch von je einer Brandbombe getroffen. In beiden Fällen konnten die Bomben abgelöscht werden, so dass kaum ein Schaden entstand. Sonst wurde kein Haus beschädigt. Es sollen noch mehr schwere Sprengbomben gefallen sein, aber sie werden in den Kornfeldern, auf denen das Korn ja überaus gut steht, liegen. Man wird sie wohl erst beim Mähen finden.

Am 22. Juni erfolgte morgens um 9.30 Uhr ganz plötzlich Fliegeralarm. Wir Lehrpersonen hörten die Sirenen nicht. Wir merkten nur an dem Benehmen der Flaksoldaten, dass etwas Besonderes sich abspielte. Da schoss auch schon die Flak, und wir waren in einigen Augenblicken mit den Kindern im Luftschutzkeller. Während wir noch auf den Treppen waren, fielen schon die Bomben. Die Flaksoldaten, die mit uns im Keller saßen, erklärten uns: „Englisch-amerikanische Bomberverbände greifen die Buna [Hydrierwerk Marl] an, wir konnten die Flugzeuge mit bloßen Augen fliegen sehen.“ In der Tat griffen an diesem Morgen Bomberverbände die Buna an. Das Dorf erlitt aber nicht den geringsten Schaden. Dagegen fielen sehr viele Bomben in den Ostteil der Gemeinde. Nennenswerter Schaden entstand auch dort nicht, da die Bomben restlos in Felder und Wiesen fielen. Einen neuen schweren Angriff erlebte Hervest in der Nacht vom 25. zum 26. Juni. Wenn auch kaum Sprengbomben fielen, so ging doch eine Anzahl von Brandbomben aller Art nieder. Mehrere Brandbomben trafen das Bauernhaus May-Saalmann. Es brannte restlos aus.

In der Nacht vom 10. zum 11. Juli erlebten wir wieder eine fürchterliche Stunde. Große Verbände englisch-amerikanischer Bomber griffen bei vollkommen bewölktem Himmel das Industriegebiet an. Eine Sicht hatten die Flieger nicht, darum warfen sie die Bomben wahllos ab. Unser schönes Hervest litt auch darunter. Brandbomben fielen überall. Es wurde aber nur das Hinterhaus des Bauern Einhaus-Bergmann getroffen, das dann auch ausbrannte. Sonstiger Schaden entstand durch Brandbomben nicht. Sprengbomben richteten größeren Schaden an. Eine Sprengbombe fiel in den Garten des Invaliden Heinrich Graßhoff am Hellweg. Sie zerstörte die Wohnung und richtete auch an den Wohnungen der Nachbarn größeren Dach- und Fensterschaden an. Eine Luftmine traf das Kartoffelfeld des Landwirt Lücke, nördlich der „Alten Pastorat“. Das Feld erlitt großen Schaden. Auch die Wohnungen der in der Nachbarschaft liegenden Häuser wurden stark beschädigt. Südlich des Dorfes gingen zwischen Lippe und Kanal eine Luftmine und mehrere Sprengbomben nieder. Durch die Sprengung der Luftmine entstanden an den Häusern im südlichen und mittleren Teil des Dorfes Fenster und Dachschäden. An der Kirche wurden die Fenster am Chor sehr stark beschädigt. Inzwischen hatten für uns aber schon die Ferien am 14. Juli begonnen. Sie dauerten bis zum 11. August einschließlich.

Nach den Ferien begannen wir den Unterricht mit 160 Kindern. Eine Reihe von Schülern hatte unser luftgefährdetes Gebiet verlassen. Sie waren von den Eltern in ruhigere Gebiete unseres Vaterlandes gebracht worden. 3 Jungen gingen zum Gymnasium, 2 Mädchen zur Oberschule nach Dorsten. Zudem schickte die Schule 6 Jungen zur neu eingerichteten Hauptschule in Hervest-Dorsten. Neu aufgenommen wurden 18 Kinder: 8 Jungen, 10 Mädchen

Im Leitstand-Raum der Flakabteilung

In der Mitte des Monats September trat die hier liegende Flakabteilung mit dem Plane an die Öffentlichkeit, auf dem Schulhof eine feste Halle für Autos zu errichten, ohne vorher mit dem vorgesetzten Behörde der Schule zu verhandeln. Ich meldete das Vorhaben dem Herrn Schulrat Brock und dem Herrn Amtsbürgermeister. Beide griffen ein, und die Ausführung des ursprünglichen Plans unterblieb. Auch wurde die Regierung in Münster ins Bild gesetzt. Die Führung der Flakabteilung ließ aber von ihrem Plane nicht ab. Es kam zu Verhandlungen zwischen dem Herrn Amtsbürgermeister, dem Herrn Schulrat und dem Führer der Flakabteilung. Als Ergebnis vereinbarte man, dass die Flakabteilung einen Plan über den beabsichtigten Neubau einreichen solle, dass der Plan so zu gestalten sei, dass das Gebäude später als Turnhalle zu benutzen wäre. Der Führer der Flakabteilung ließ einen Plan anfertigen. Dieser fand die Genehmigung der Amtsbehörde und des Schulrats. Auch die Regierung in Münster erklärte sich mit der Errichtung des Gebäudes nach dem neuen Plan einverstanden. Nun begann die Flakabteilung mit eigenen Kräften den Neubau. Er wurde hart an der Westgrenze des Schulhofes errichtet. Er besteht aus einem großen freien Raum, dem an der Stirnseite zwei kleine Räume angebaut sind. Über den zwei kleinen Räumen werden zwei kleinere Räume im Dachgeschoss eingerichtet. Ende Dezember stand der Rohbau fertig. Die Schule wird später alles gut gebrauchen können. Am 17. Dezember begannen die Weihnachtsferien, die bis zum 15. Januar 1944 dauerten. [Auf dem Dach der Schule hatte die Flakabteilung 403 einen festen Flak-Leitturm errichtet.]

1944 – Die älteren Schüler mussten Schanzarbeiten leisten

Ende des Jahres 1943 und im Anfang diesen Jahres wurden mehrere Kinder aus Marl zum Schulunterricht bei uns mit Genehmigung der vorgesetzten Dienststelle zugelassen. Grund: Die Schulen in den Industriegemeinden südlich der Lippe waren wegen der herrschenden Luftgefahr geschlossen worden. Die sollten in die erweiterte Kinderlandverschickung gehen. Da stellten die Eltern dieser genannten Kinder einen Antrag an die Regierung in Münster, sie möge eine Einschulung nach Hervest gestatten. Nachdem diese Anträge genehmigt waren, fand die Einschulung bei uns statt.

Während in den ersten Monaten dieses Jahres unser Heimatgebiet von feindlichen Fliegerangriffen ziemlich verschont blieb, setzte im Juni wieder eine erhöhte Fliegertätigkeit ein. Nachdem schon in den Wochen vorher überall in der Umgebung einzelne Bomben geworfen waren, erfolgte in der Nacht vom 21. zum 22. Juni der bisher stärkste Angriff auf unsere Heimat. In der nächsten Umgebung unsres kleinen Dörfchens gingen mindestens 50 bis 60 schwere Bomben und Luftminen nieder. Von diesen stellten sich einige als Langzeitzünder und einige als Blindgänger heraus. Zum großen Glück wurden Menschen weder getötet noch verwundet. Es entstand aber schwerer Schaden an Gebäuden und in den Kornfeldern. Unser Schulgebäude erlitt nur leichtere Beschädigungen, etwa 30 Fensterscheiben wurden zertrümmert und das Dach verlor einige Ziegel. Am 13. Juli begannen die Sommerferien, sie dauerten bis zum 10. August.

In den ersten Jahrgang kamen neu 18 Knaben und 15 Mädchen, zusammen 33 Kinder. Zum Gymnasium in Dorsten ging 1 Knabe, zur Oberschule für Mädchen in Dorsten kamen 5 Mädchen, und zur Hauptschule schickte die Schule 2 Mädchen und einen Jungen. Die Schule wurde zu Anfang des Schuljahres von 206 Kindern (111 Knaben, 95 Mädchen) besucht.

Infolge der veränderten Kriegslage auf dem westlichen Kriegsschauplatz traf die Reichsregierung in sämtlichen Westgauen des Reiches Maßnahmen zur Verteidigung der Grenzen. Diese wirkten sich auch in unserem Heimatgebiet aus. Im Zuge der zu leistenden Arbeiten wurden die Jungen der Jahrgänge 6, 7 und 8 zu Schanzarbeiten herangezogen. Am Montag, den 11. September, traf der Befehl zur Aufnahme der Arbeit ein. Sofort wurden die Jungen aus der Schule heraus zu den Erdarbeiten eingesetzt. Es wurde nun Tag für Tag fleißig gearbeitet. Die Mädchen der oberen Jahrgänge und die Kinder der übrigen Jahrgänge erhielten ihren geordneten Unterricht weiter.

Flüchtlinge unterwegs

Am 14. September nahm der Unterricht ein plötzliches Ende. Es traf der Befehl ein, dass die Räume der Schule für Flüchtlinge aus der Gegend von Aachen als Durchgangslager einzurichten seien. Sofort mussten sämtliche Klassenräume freigemacht werden. Die Knaben der oberen Jahrgänge und Gemeindearbeiter räumten Bänke, Tafeln und Pulte fort. Mädchen säuberten die Räume, die dann mit Strohsäcken belegt wurden. Die Strohsäcke wurden von Schulmädchen unter Leitung der Frauen der NS-Frauenschaft gefüllt. In wenigen Stunden lagen 140 Strohsäcke für die Flüchtlinge bereit. Die Schule war einem kriegswichtigen Zwecke dienstbar gemacht. Die erwarteten Flüchtlinge trafen aber nicht ein. Am 20. September begannen die „Kartoffelferien“, die bis zum 2. Oktober dauerten.

Am 2. Oktober konnten wir mit dem Unterricht beginnen, nachdem eine Aussprache zwischen der Ortsamtsleitung, der NSV und der Kreisamtsleitung NSV festgelegt hatte, dass die Schulräume wieder eingerichtet werden könnten, im Falle des Gebrauches für Flüchtlinge aber innerhalb einiger Stunden geräumt sein müssten. Die Lehrpersonen räumten mit den Kindern die Klassen wieder ein. Die schon gefüllten Strohsäcke stapelten wir in den Klassen auf, reinigten die Räume und stellten die Bänke und alle sonstigen Schulgeräte wieder ordnungsgemäß auf. Nun konnte der Unterricht beginnen. Unserer Arbeit des ersten Schultages blieb aber der längere Erfolg versagt, denn schon am Nachmittag  traf der telefonische Befehl des Amtsbürgermeisters ein, dass nach Rücksprache mit dem Herrn Schulrat die Schule sofort zu schließen sei. Die gespannte Luftkriegslage in unserem Heimatgebiet war wohl die Ursache dieser Maßnahme. Am 3. Oktober kamen die Kinder noch zur Schule, sie wurden aber sofort nach Haue entlassen. Die Schließung erfolgte auf unbestimmte Zeit.

Flakabwehr bei Nacht

Am 24. Oktober erhielt die Schule vom Herrn Landrat den Auftrag, mit den Kindern der Jahrgänge 6, 7 und 8. Schanzarbeiten zu verrichten. Am Morgen des 27. Oktober begannen wir mit den Arbeiten. Wir schachteten Einmannlöcher und Gräben zum Schutze gegen Tiefflieger aus. Beiderseits der Kreisstraße Hervest-Wulfen lag unser Arbeitsfeld. Dort arbeiteten wir von morgens 8.30 bis 13 Uhr.

Am 25. November kam von Herrn Schulrat die schriftliche Nachricht, dass der Unterricht sofort versuchsweise wieder aufgenommen werden sollte. Da aber sämtliche Klassenräume beschlagnahmt waren, musste zunächst mit dem Leiter der örtlichen NSV-Dienststelle Herrn Dippel über die Freigabe von zwei Klassenräumen verhandelt werden. Er gab die Zustimmung zur Räumung mit der Bedingung, dass beide Klassen sofort zu räumen seien, sobald Flüchtlinge aus den Westgauen einträfen. Da die zwei übrigen Klassen noch von der Flakabteilung belegt waren, konnten wir den Unterricht nur mit zwei Klassen aufnehmen. Am 14. Dezember begannen die Weihnachtsferien. Sie dauerten bis zum 18. Januar 1945.

1945 – Die Schule wurde unter Leitung von Dr. Schmücker zum Krankenhaus

Die Weihnachtsferien erhielten nicht die geplante Ausdehnung. Laut Schreiben des Schulrats musste der Unterricht am 3. Januar wieder aufgenommen werden. Die Beschlagnahme der Schule für Flüchtlinge wurde nicht aufgehoben. Den Unterricht dehnten wir versuchsweise bis auf 11 Uhr aus. Als die Luftlage sich besserte, also nicht mehr so oft Fliegeralarm gegeben wurde, unterrichteten wir öfter bis 13 Uhr.

Leider kam bald eine grundlegende Änderung. Am Samstag, den 27. Januar, traf der Befehl des Amtsbeigeordneten Berke ein, dass auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars sämtliche Schulen zu schließen seien. Daraufhin ruhte ab 29. Januar der Schulbetrieb vollständig. Die Lehrkräfte setzte man anderweitig ein.

Am 13. Februar belegte man die Schule. Die Beschlagnahme für Flüchtlinge hob man auf. In die Klasse III legte man eine Wache des Volkssturms und in die übrigen Klassen Feldpolizeitruppen. Die Polizeitruppe blieb nur wenige Tage. Als der Brückenkopf Wesel aufgegeben wurde, kamen in die Schule abgelöste Fronttruppen. Zuerst brachte man in der Schule Fallschirmtruppen unter. Dann wechselten die Soldaten immer wieder, und zwar oft so schnell, dass ich nicht erfahren konnte, welche Truppen in der Schule ihr Quartier fanden. Hervest war frontnaher Ort geworden.

Am 22. März wurde Dorsten durch einen Terrorangriff endgültig vernichtet, nachdem es schon vorher mehrere schwere Angriffe über sich hatte ergehen lassen müssen. Dabei zerstörten schwere Bomben das Krankenhaus. Man wusste die Kranken und Verletzten nicht unterzubringen. Da richtete man unsere Schule zum Krankenhaus ein. An erster Stelle brachte man Verletzte und Kranke aus Hervest hierher. Die Schule erhielt die Flagge des Roten Kreuzes. Die Betreuung übernahmen dann das Rote Kreuz und Krankenschwestern. Herr Dr. Schmücker aus Dorsten wurde leitender Arzt.

Am 27. März mussten die Schüler und Schülerinnen des 8. Jahrgangs entlassen werden. Wegen der Kriegslage war es unmöglich, die Kinder zu einer Abschiedsfeier zusammen zu rufen. Sie mussten einzeln ihre Entlassungszeugnisse abholen. Entlassen wurden 11 Knaben und 14 Mädchen. – Ende der Auszüge aus der Schulchronik.

Neuer Anfang

Am 28. März rückten amerikanische Soldaten in Hervest und Dorsten ein. Nach Fremdnutzung konnte der Unterricht im Oktober 1945 wieder aufgenommen werden. Rektor blieb weiterhin Konrad Wiemeyer. Bis neues Lehrmaterial eingeführt wurde, mussten sich die Lehrer mit Selbstangefertigtem behelfen. Die Schule hieß wieder Paulusschule.

 

 

Veröffentlicht unter Krieg, Luftangriffe / Abwehr, Schulen/Lehrbetrieb | Verschlagwortet mit , , , , , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.