Erziehung im Nationalsozialismus – Holsterhausenerin fand zwei antisemitische Bilderbücher aus ihrer Kindheit wieder. Heute ist sie fassungslos

Alle Zeichnungen aus "Der Giftpilz"

Von Wolf Stegemann

Nachdem eine Holsterhausenerin, etwa 80 Jahre alt, die nicht genannt werden möchte, im Mai 2012 von ihrem Enkelsohn über die Existenz dieser Online-Dokumentation gehört und er ihr gesagt hatte, was darin zu lesen sei, erinnerte sie sich, dass auf dem Dachboden ihre Bilderbücher aus der Nazizeit noch liegen müssten. Sie bat ihren Enkel danach zu suchen. Schließlich fand er sie verstaubt und verwittert. Sie war entsetzt, als sie ihre alten Bilderbücher wieder in der Hand hielt, denn zwei davon waren antisemitische Hetzbücher aus ihrer Volksschulzeit. Die Frau war völlig fassungslos, weil sie sich gar nicht mehr an die darin dargestellte Verhetzung der Juden in dieser gezeichneten und geschriebenen Boshaftigkeit erinnern konnte. Vermutlich, so meint sie, habe sie damals als Schulkind das Dargestellte  zwar gesehen, aber nicht das Böse erkannt. Doch mit dem Wissen um Auschwitz sehe sie, wie sehr Kinder damals der nationalsozialistischen Propaganda und den Lehrern, die diese vermittelt hätten, hilflos ausgesetzt waren. Bei den beiden antisemitischen Bilderbüchern handelte es sich um „Der Giftpilz“ und „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid!“.

Totale Erziehung durch Partei und Staat  

Der nationalsozialistische Staat hatte einen Anspruch auf die „totale Erziehung“ gestellt. Insofern können auch alle Formen der Propaganda im Alltagsleben zur Erziehung im Nationalsozialismus gerechnet werden wie diese beiden antisemitischen Bücher, von deren Sorte im „Stürmer“-Verlag Nürnberg noch andere erschienen sind. Auch prägte die ideologische Forderung nach Härte im Nationalsozialismus auch den Umgang mit Kleinkindern. Der Nationalsozialismus, so die Wiener Erziehungswissenschaftlerin Dr. Frischmuth, behandelte Kinder ab der Geburt wie  Feinde, deren Schreien und Flehen nicht nachgegeben werden durfte. Der Aufbau einer liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern sollte verhindert werden. Denn die Partei wollte zum zentralen Element im Leben des Kindes werden und die entscheidende Rolle bei der Erziehung übernehmen. Die Eltern hatten dahinter zurückzutreten.

Adolf Hitler über die Erziehung der Kinder

Hitler wollte die Jugendlichen in seine Pläne einbeziehen, denn sie waren der Baustein für die Zukunft. Sie sollten später in den Krieg ziehen und außerdem ihre Pflichten als „Arier“ kennen. Hitler sagte zum Zweck:

„Die gesamte Erziehungsarbeit des Völkischen Staates muss ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das Rassegefühl Instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbaut […] Der Völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine gesamte Erziehungsarbeit nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung geistiger Fähigkeiten …“

Den Lehrern war es aufgegeben, nationalsozialistische Kinder geistig und körperlich „heranzuzüchten“ Dazu gehörten auch die neu geschriebenen und umgeschriebenen Bilder-, Lese- und Lehrbücher.

Bilderbuch „Trau keinem Fuchs aus grüner Heid …!“

Kinderbücher förderten die systematische Erziehung zum Antisemitismus. Vor allem der Nürnberger Stürmer-Verlag trat besonders durch die Werke „Der Giftpilz“ und „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid!“ hervor. Diese beiden Exemplare hatte die Holsterhausenerin noch aus ihrer Kinderzeit. Letzteres erschien in mindestens sieben Auflagen erstmals 1936. Autorin ist Elvira Bauer. Der Einband dieses Kinderbuches zeigt einen Fuchs, der seiner Beute nachstellt, und einen Juden, der einen betrügerischen Schwur unter dem Stern Davids ablegt. Mit dieser bildlichen Gleichsetzung von Fuchs und Jude wird unausgesprochen die dem Fuchs nachgesagte Hinterlistigkeit auf den Juden übertragen. Das Buch wurde über 100.000 Mal verkauft. Gereimt wird darin u. a.: „Nun wird es endlich schön, denn alle Juden müssen gehen / die großen und kleinen, da hilft kein Schreien und Weinen / und auch nicht Zorn und Wut, fort mit der Judenbrut“. Es ist eine „Anleitung“ zum Rassenhass für Sechs- bis Neunjährige. Das Bilderbuch markierte einen traurigen Höhepunkt im Missbrauch kindlicher Naivität und Beeinflussbarkeit.

Bilderbuch „Der Giftpilz“

Während im Jahr 1936 bei Elvira Bauer noch ganzseitige Karikaturen dominierten und der gereimte Text bezüglich seiner Länge recht überschaubar blieb, wurde 1938 dann schon zum Umgang mit der Publikation Ernst Hiemers „Der Giftpilz“ eine Entwicklung der Lesekompetenz der Buchbenutzer vorausgesetzt. Thema des Propagandawerks blieb weiterhin die Negativdarstellung bzw. die Dämonisierung der Juden. Zwar besitzen in diesem Buch die Bilder von „Fips“, so der Künstlername des langjährigen Stürmer-Illustrators Philipp Rupprecht, immer noch ganzseitiges Format, doch wurden die zugeordneten Geschichten textlich bereits deutlich umfangreicher gestaltet.

Noch im Jahr seines Erscheinens 1938 erreichte das Bilderbuch eine Auflage von 70.000. Es galt damals als so exemplarisch für nationalsozialistische Jugendpropaganda, dass „Der Giftpilz“ 1938 in der Buchreihe der „Friends of Europe Publications“ in englischer Übersetzung erschien, eine Reihe, die Propagandaschrifttum der Nazis in englischer Übersetzung verfügbar machen und davor warnen sollte. Es zeigt in stark farbigen Zeichnungen das gesamte antisemitische Repertoire des NS-Regimes und forderte des „Führers Jugend“ zum Rassenhass auf.

Der Autor Ernst Hiemer (1900 bis 1974) war von Beruf Lehrer. In der Zeit des Nationalsozialismus war er Vertrauensmann der Reichspressekammer beim Landeskulturverwalter des Gaues Schwaben. Von 1938 bis etwa 1942 war Hiemer Hauptschriftleiter der antisemitischen und volksverhetzenden Wochenzeitung „Der Stürmer“, in dem er antisemitische Leitartikel schrieb. Im Mai 1942 rechtfertigte er beispielsweise den Holocaust, indem er das Judentum als „organisiertes Weltverbrechertum“ bezeichnete. Hiemer starb 1974 in Altötting (Bayern).

Bleibt die Frage: Kann man eigentlich eine aus heutiger Sicht so brutal wirkende, kaum zu verstehende und in damaliger Zeit so perfide inszenierte literarische Darstellung des Judentums, mit der man Kinder beeinflusste,  auch nur annähernd erklären?

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3 Kommentare zu Erziehung im Nationalsozialismus – Holsterhausenerin fand zwei antisemitische Bilderbücher aus ihrer Kindheit wieder. Heute ist sie fassungslos

  1. Als eine der Letzten, die zu jener Zeit die gesamte Kindheit in Nazideutschland verlebte, erkenne ich längst meine „Schuld“ . Ich gehörte zum Volk der Täter und trage die volle Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passieren darf.
    Ich zähle heute viele jüdische Menschen zu meinen besten Freunden und bin ihnen dankbar, dass sie mir nicht den Händedruck verweigerten.

    Schmah Israel! Dr. Tilly Boesche-Zacharow

  2. Schubschub sagt:

    Das hilft mir super bei meinem Aufsatz über ästhetische Kommunikation in der NS Zeit, Danke! :-)

  3. dawarischon sagt:

    Danke für die Dokumentation; leider ist es auch nach 1945 nicht anders geworden.

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