Hersch Wassermann – Ein Schicksal zwischen den Staaten – Als „ewiger Ahasver“ fand er in Israel seine Heimat

Von Martin Lenhardt

Lediglich bruchstückhafte, unvollständige Informa­tionen gehen aus einer Blattsammlung des Amtsge­richts Dorsten über das Leben des polnischen Juden Hersch Wassermann hervor, der im Juni 1929 nach Dorsten gezogen war und hier einen Textilwaren­versand betrieben hatte.

Die Akte setzt ein am 21. Januar 1930. An diesem Tag beantragte Hersch Wassermann eine ständige Aufenthaltserlaubnis, da sein Pass nur noch bis April 1930 Gültigkeit besaß. Zur Begründung führte er aus:

»Wenn mir die Aufenthaltserlaubnis nicht erteilt würde, würde ich meine Existenz verlie­ren. Es wäre mir nämlich nicht möglich, die Außen­stände meines Geschäftes einzubringen und müsste sie dann vollständig verlieren. Bezüglich meiner Fa­milie würden wir den allerschwersten Ungelegenheiten ausgesetzt, da meine Frau in Hoffnung ist.«

Eine Anfrage des Amtsgerichts beim Deutschen Konsulat in Krakau ergab, dass weder Hersch Was­sermann noch seine Ehefrau Mally Sichtvermerke zur Einreise nach Deutschland erhalten hatten. Ein Sachbearbeiter vermerkte im Juli 1930:

»Dem An­trag des W. dürfte (…) nicht stattzugeben sein, weil der Antragsteller ohne Einreisesichtvermerk und Zuzugsgenehmigung in Deutschland zugezogen ist und sich damit des Passvergehens schuldig gemacht hat. Wassermann betreibt ebenfalls wie seine mei­sten polnischen Kollegen ein unkontrollierbares Abzahlungsgeschäft zum Schaden der heimischen Geschäftswelt.«

Am 17. Oktober 1930 erging ein Strafbefehl gegen Hersch Wassermann, der wegen Vergehens gegen die Passverordnung zur Zahlung einer Geldstrafe von 50 Reichsmark oder ersatzweise zu zehn Tagen Haft verurteilt wurde. Wassermann ließ durch den Rechtsanwalt Spangemacher Einspruch erheben, ein Verfahren wurde in Gang gesetzt, bei dem der Kaufmann die »kleine Odyssee« schilderte, welche ihn von seinem Geburtsort Przeworsk nach Dor­sten geführt hatte.

1926 erhielt Hersch Wassermann vom polnischen Staat einen Gestellungsbefehl. Um diesem nicht Folge leisten zu müssen, reiste er zunächst nach Ita­lien, dann nach Ägypten. Dort erkrankte er jedoch an Malaria. In Leipzig ansässige Verwandte über­sandten Wassermann eine Zuzugsgenehmigung. Vom deutschen Konsulat in Jerusalem erhielt er ein Einreisevisum nach Deutschland. Über Essen, Castrop-Rauxel und Trier kam Hersch Wassermann schließlich nach Dorsten. Seinen Pass samt Einreise­visum hatte er in Leipzig abgeben müssen und konnte dem Gericht somit keine Beweise vorlegen. Von den Essener Behörden wurde ihm später ein Ersatzpass ausgestellt, mit dem er sich auch in Dor­sten anmeldete. Nachforschungen des Amtsge­richts bestätigten diese Angaben. Weitere Informationen über den Verhandlungsverlauf fehlen. Anscheinend ging das Verfahren für Hersch Wassermann günstig aus, denn am 31. März 1933 ersuchte die Ortspolizeibehörde Dor­sten unter dem Vermerk »Ausländer – Eilt sehr« beim Berliner Reichsjustizministerium um Aus­kunft über das Vorstrafenregister des noch immer hier ansässigen jungen Kaufmanns. Mit dem negati­ven Bescheid – nicht vorbestraft – des Ministeriums schließt die Akte.

1933 von Dorsten nach Palästina ausgewandert

Als die dunklen Wolken des nationalsozialistischen Antisemitismus sich auch über Dorsten zusammenzogen, suchte die Familie Wassermann in Palästina Geborgenheit. Hersch Wassermann arbeitete zunächst im Moshav Bet Oved, später in einer Fabrik. Als die Araberunruhen ausbrachen, zog die Familie nach Tel Aviv und Hersch Wassermann fand Arbeit im Hafen. 1940 trat er als Soldat der Jüdischen Legion in der Britischen Armee bei, kämpfte gegen die Deutschen in Griechenland, geriet in Gefangenschaft und konnte auf dem Transport nach Deutschland, wo ihn das Konzentrationslager erwartet hätte, fliehen. Über die Türkei gelangte er 1945 wieder nach Palästina, arbeitete bis Ende der 1960er Jahre im Hafen von Tel Aviv, bevor er Polizist und mit der Goldenen Verdienstmedaille ausgezeichnet wurde. Drei Jahre nach seiner Pensionierung starb Hersch Wassermann.

Itzig My Bar

Sein am 5. April 1931 in Dorsten geborener Sohn Isidor war von 1947 bis 1951 aktiver Soldat in der israelischen Armee, arbeitete danach als Kranführer in der Salzgewinnung am Toten Meer, heiratete 1958 und war von 1983 bis zur Pensionierung 1996 Security-Officer in Tel Aviv. 1983 hebräisierte er seinen Namen und hieß seitdem Itzhak Mybar. Zu seiner Geburtsstadt Dorsten, wo er viele Freunde gefunden hatte, entwickelte Itzhak Mybar ein sentimentales Verhältnis. Er starb im Frühjahr 2011 in Tel Aviv.

 

 

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