Holsterhausen, am Montag, den 12. März 1945, um 11.30 Uhr: Über 70 Tote bei der Bombardierung eines Soldatenzugs an der Holtstegge

Zerstörter Zug

Von Wolf Stegemann

In sinnlosen und nutzlosen wie blutigen Abwehrkämpfen versuchten die deutschen Militärs im Frühjahr 1945 das bereits verwirkte Leben ihres obersten Führers Adolf Hitler Tag für Tag weiter zu erhalten. Dafür opferten sie täglich Tausende von Soldaten an den immer näher rückenden Fronten. Der einst in im Rand-Europa und in Afrika ausgetragene Krieg fand schon längst auf deutschem Boden statt. Die Bevölkerung zwischen Rhein und Lippe, für die der Krieg noch nicht zu Ende war, hatten in jenen Tagen des März andere Sorgen, als sich um das Weiterleben ihres Führers zu kümmern. Tieffliegerangriffe und Bombardierungen von Städten und Dörfern bei Tag und bei Nacht, pure Existenznöte und immer noch die Bedrohungen durch nibelungentreue Parteiführer, brutale SS, ideologische Strafgerichte zum einen und Trauer in den Familien zum andern, Verwandtschaft und Nachbarschaft um Gefallene und Bombenopfer, Verschleppungen und Erschießungen bestimmten immer noch den Alltag jener Tage, in denen 1,3 Millionen alliierte Soldaten am Rhein standen. Ihr Kommen zum letzten Schlag gegen die erbärmlichen Reste der geschlagenen deutschen Wehrmacht war unweigerlich und mit Hoffen und Bangen gleichermaßen verbunden. Die Diskussion in der Bevölkerung, ob sich die feindlichen Soldaten als Sieger oder Befreier gebärden würden, ob sie sich selbst als Befreite oder Besiegte fühlen sollten, lebte erst viel später auf. 1945 kamen die Alliierten als Sieger.

Ehemalige Zugtrasse an der Holtstegge ist heute ein Radweg; Foto: Wolf Stegemann

Soldaten und Zivilisten voll im Visier der angreifenden Jagdbomber

Der 12. März 1945 ist ein Montag und trotz der tief hängenden Wolkendecke ein schöner Frühlingstag. Er steht beispielhaft für alle Tage des zu Ende gehenden Krieges, für Tage des Chaos, für Tage des Sterbens und Tötens, für Tage zwischen Luftangriffen und Splittergräben. Dieses Datum könnte auch willkürlich gewählt sein. Denn an jedem dieser Tage wurde gestorben und verstümmelt. An diesem Tag wurde mitten in Holsterhausen ein vollbesetzter Soldatenzug bombardiert, was die Bevölkerung einerseits in neugierige Erregung und andererseits in achselzuckende Apathie versetzte. Eben ein Kriegsereignis wie viele andere.

An diesem Tag wird Swinemünde bombardiert, es gibt über 20.000 Tote. Auf Frankfurt, Wien, Friedberg und Usedom, Dortmund, Hagen und Fröndenberg fallen Bomben und bringen Tausenden von Menschen den Tod. Im KZ Bergen-Belsen stirbt am 12. März 1945 das junge jüdische Mädchen Anne Frank, später bekannt geworden durch ihre Tagebuch. Hans Filbinger verurteilt an jenem Tag den Matrosen Gröger wegen Desertion zum Tode. Später muss er deswegen als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten. Um 11 Uhr, eine halbe Stunde bevor der Transportzug in Holsterhausen in die Luft fliegt, treffen Bomben den Güterbahnhof Dorsten. Die Zugführer August Freiburg aus Duisburg, Paul Wessels, Heinrich Thewes und Konstanz Melchers aus Coesfeld, Johann Luhr aus Mülheim und der Heizer Nikolaus Neffgen aus Gressenich sind unter den Toten. In der Feldhauser Straße stirbt um 11.30 Uhr, just zu dem Zeitpunkt, wo in Holsterhausen der Soldatenzug bombardiert wird, Elisabeth Horstkamp (52) bei einem Tieffliegerangriff. Bei einem Bordkanonenbeschuss sterben in Holsterhausen um 14.30 Uhr zwei Soldaten, der Gefreite Helmut Pfaff aus Gelsenkirchen, gerade 19 Jahre alt, und der Unteroffizier Josef Hardick aus Recklinghausen, 35 Jahre alt.

An jedem Tag des Jahres 1945 fielen noch 9.000 deutsche Soldaten

Historiker sagen, dass in den neun Kriegsmonaten, die nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 nochmals so viele deutsche Soldaten gefallen seien wie in den vorangegangenen Kriegsjahren seit September 1939. Statistisch würde das bedeuten, dass an jedem dieser Tage im Frühjahr 1945 rund 9.000 Soldaten ihr meist junges Leben ließen, um Hitlers kümmerliches Dasein unter Tage in seinem Berliner Bunker zu verlängern. Die vielen getöteten deutschen Zivilisten sind in dieser Statistik nicht mitgerechnet. Von ihnen starben im letzten Kriegsjahr statistisch gesehen täglich 7.670 in Bombenhagel der Städte und auf der Flucht.

Lageplan der Zugtrasse an der Holtstegge in Holsterhausen

Vollbesetzter Soldatenzug an der Holtstegge bombardiert

Sträucher und Bäume standen an jenem Tag schon mit jungen Blättern. Auf den frisch gepflügten Äckern bildete sich das zarte Grün der keimenden Saat. „Die Sonne schien die Welt in diesen Tagen tatsächlich ein wenig verzaubert zu haben. Oft herrschte stundenlang friedvolle Ruhe“, beschreibt Herbert Bernhard einen dieser Tage des März in seinem Kriegstagebuch vom Niederrhein „Dann brach die Hölle los“. Diese Stimmung beschreiben auch Holsterhausener. Es gab keinen Schulunterricht, die Kinder halfen ihren Müttern im Haus oder im Garten, Hitlerjungs und Pimpfe hoben Gräben aus, machten kleine Botengänge, besorgten Essen oder strolchten zusammen mit Freunden durch die Büsche, immer auf der Suche nach „Beute“: Munition, Stahlhelme, Waffen, Reste abgeschossener Flugzeuge. Begehrt waren feindliche Trophäen. Die Jungs wussten, wo sie zu suchen hatten. Ganz Holsterhausen war ihr Kriegs-Abenteuerspielplatz – immer auf der Hut vor Tieffliegern. Doch dann wurde die frühlingshafte Idylle unterbrochen. Denn der Krieg hatte sich noch lange nicht verabschiedet.

Flugblatt mit Verhaltensmaßregeln

Der 13-jährige Werner Polak arbeitet auf dem kleinen nassen Feld zwischen Knappenweg und Borkener Straße, wo sich heute der Sportplatz befindet. Er will Mittag machen, als Voralarm ertönt. Er rennt über das Feld in ein vorbereitetes Einmann-Schutzloch und hört das Kreischen von Zugbremsen auf der nahen Eisenbahntrasse an der Holtstegge. Er hört auch Flugzeuge, blickt sich suchend um und sieht fünf Python-Jagdbomber, wie sie auf den Zug zufliegen und ihn bombardieren. „Es ging alles so schnell! Ich sah nur noch schwarzen Qualm, Dreck und weißen Dampf, hörte das Geschrei der Soldaten!“

Getötet werden bei dieser Bombardierung am 12. März 1945 um 11.30 Uhr an der Holtstegge 75 Soldaten. Im Transportzug befinden sich meist junge Angehörige der 190. Infanterie-Division. Es ist ein zusammen gewürfelter Haufen Soldaten. Kanonenfutter. Die Soldaten wurden von den Kämpfen in Arnheim zurückgenommen, in Utrecht neu aufgestellt und auf die rechte Rheinseite zurückgebracht. Von dort sollten sie mit dem Zug weg von der Front in einen Ruheraum gebracht werden, um sich zu erholen. Denn schwere Kämpfe an der zu erwartenden einbrechenden Rheinfront in Wesel standen bevor.

Noch am 10. März ist ein Brief aus Holland datiert, den der Unteroffizier Adolf Maier seiner Frau Emma nach Klingenberg am Main geschrieben hatte. Zwei Tage später gehört er in Holsterhausen zu den Toten des Transportzugs. Der Brief erreichte die Frau. Vom Tod ihres Mannes in Holsterhausen erfuhr sie aber erst Ende 1946. Auch Günter Leue schreibt drei Tage vor seinem Tod in Holsterhausen an seine Schwester. Auch sie erfährt erst viel später, dass ihr Bruder in Holsterhausen gefallen ist.

Entsetzliches Schreien der Verwundeten

Viele Tote des Zuges gehörten der 14. Kompanie im II. Bataillon des Grenadier-Regiments 1225, dem 6. Grenadier-Regiment 1222, der 6. Batterie des Artillerie-Regiments 1080, der 13. Kompanie des Grenadier-Regiments 1224, eines Fallschirm-Lehr-Regiments und anderen Einheiten der 190. Infanterie-Division an. Sie kamen aufgefrischt, wie dies im Militärjargon heißt, von Holland, um an der Weseler Rheinfront zu kämpfen. Übrigens wurde an der Weseler Rheinfront bis zum 30. März gekämpft, dann wichen die Soldaten den anstürmenden Alliierten bis ins Ruhrgebiet aus.

Als der Holsterhausener Junge Werner Tottmann (†) damals am bombardierten Zug entlang gelaufen war, hatte er auch in einen Waggon hineingeschaut. „Ich sah tote und verwundete Soldaten, von denen etliche das Eiserne Kreuz II. Klasse frisch verliehen bekommen haben mussten, denn sie trugen auch den Orden an ihrer Uniform, nicht – wie üblich – nur das Band.“ Das indiziert, dass die Soldaten von einem Kriegseinsatz gekommen waren.

Zugflak an der Bahntrasse

Die damals bestehende Eisenbahnstrecke von Haltern nach Wesel ist zweispurig ausgelegt. Der bombardierte Zug führt Flugabwehrkanonen mit. In Güterwagen und Personenwagen sind Soldaten untergebracht und die beiden Vierlingflaks am Anfang und Ende des Zuges sollen vor Fliegerangriffen schützen. Wegen des einsetzenden Flieger-Voralarms rollt der Zug langsam auf dem Gleis Richtung Haltern und kommt am Haupthaltesignal an der Holtstegge zum Stehen. Gregor Duve, damals gerade acht Jahre alt, ist dabei, als sein Vater, der Schrankenwärter, am Übergang Baldurstraße die Schranke herunterkurbelt.

Da stets unerwartet mit Jagdbomberangriffen der Amerikaner zu rechen ist, hat der Schrankenwärter an der Baldurstraße einen Unterstand von etwa 2,50 Metern im Quadrat. Die Seitenwände und die Decke sind mit dicken Eisenbahnbohlen geschützt und darüber liegt noch eine ein Meter dicke Erdschicht.

Es ist Mittagszeit, als der Zug mit seinen Güter- und Personenwaggons zum Stehen kommt, um auf die Einfahrt in den Bahnhof Hervest-Dorsten zu warten. Das ist ein typisches Vorgehen bei Fliegeralarm. In einer solchen Situation dürfen Züge nicht in Bahnhöfe einfahren, sondern müssen auf freier Strecke stehen bleiben. Als die Bomben zielgenau fallen, suchen Gregor Duve und sein Vater Schutz im Unterstand. Von draußen her hören sie das Krachen und Donnern der einschlagenden Bomben. Es waren mindestens zehn Einschläge in Reihe, die den vollbesetzten Zug zerstörten.

Als die Flugzeuge weitergeflogen waren, hören Gregor Duve und sein Vater entsetzliches Schreien und Stöhnen. Sie verlassen ihren Unterstand und sehen die Katastrophe. Mehrere Waggons sind durch die Wucht der Explosionen aus dem Gleisbett geflogen und liegen nun umgekippt daneben. Die Lok steht neben den Schienen. Verletzte Soldaten liegen schreiend am Boden, andere laufen verstört herum. Dazwischen versuchen Sanitätssoldaten und Anwohner die Verwundeten zu versorgen und die Toten zu bergen. Der achtjährige Gregor Duve und auch Werner Tottmann werden diesen Anblick nie vergessen können.

Meist jugendliche Soldaten umgekommen

Während die Verletzten entweder ins Idastift, zum Verbandsplatz in der Bonifatiusschule oder ins Kriegslazarett I/614 (Maria Lindenhof) gebracht werden, reihen die Soldaten ihre toten Kameraden in Reih und Glied auf. Werner Tottmann hat sie gezählt. „Es waren 74 Tote, die man auf der linken Seite am Bahnwall hingelegt hatte.“

Es gab noch einen 75. Toten, den Zugkommandanten. Der gerade sieben Jahre alte Ernst Ottens, der sich mit seinem Vater an der Böschung aufhielt, sah den Kommandanten, wie er mit vorgehaltener Pistole die bereits ausgestiegenen und Schutz suchenden Soldaten zwang, wieder in den Zug zu steigen, als die Flugzeuge kamen. Auch Hans-Georg Kramm hörte, wie der Offizier die Soldaten am Aussteigen hinderte. Dies sollte tragische Folgen für den Offizier gehabt haben. Als er nach der Bombardierung zum Kommissariat an der Pliesterbecker Straße ging, in dem Polizei- und Verwaltungsstellen unterbracht waren, suchten ihn seine Soldaten. Werner Tottmann erzählt von ihren erbosten Rufen: „Wo ist der Sauhund!“ Als sie ihn fanden, erschossen sie ihn in einem der lang gezogenen Schützengräben neben dem Kommissariat.

Dies bestätigt auch die Schwester Werner Tottmanns, die den Offizier dort liegen sah. Und Werner Polak beobachtete aus seinem Einmann-Loch, dass nach der Bombardierung Soldaten über das Feld in das Eichenwäldchen zum Kommissariat liefen, wo Schüsse fielen. „Ich bin dann aber ganz schnell, nach Hause geradelt!“ Von diesem Wäldchen stehen heute noch vereinzelte Bäume im Bereich der Juliussporthalle.

Einweihung der Gedenkrafel mit Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (vorne), dahinter Wolf Stegemann, daneben Gregor Duve vom Ökumenischen Geschichtskreis); Foto: Regina Leue

Wenige Tage später war für die Holsterhausener der Krieg zu Ende. Amerikaner kamen vom Rhein her und marschierten durch Holsterhausen nach Dorsten ins Münsterland und ins Ruhrgebiet. Die Toten der Zugbombardierung liegen auf dem Kriegsgräberfriedhof im Waldfriedhof Holsterhausen. Nur wenige der Gefallenen wurden in den Nachkriegsjahren in ihre Heimatorte überführt. Viele der Soldaten waren erst 18 oder 19 Jahre alt.

Gedenktafel an der ehemaligen Bahntrasse in Holsterhausen

Im Jahre 2010 brachte der Ökumenische Geschichtskreis Holsterhausen an der ehemaligen Zugtrasse eine bronzene Gedenk- und Informationstafel über die Zugbombardierung an. Zur Enthüllung kamen neben politischer Prominenz auch viele Angehörige der dort umgekommen Soldaten aus ganz Deutschland nach Holsterhausen.  Der WDR fertigte davon einen Film an und sendete ihn und die Geschichte der Bombardierung des Zugs in „Lokalzeit“.

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  • Gegen die Version, dass am Holsterhausener Kommissariat der Zugkommandant erschossen worden sein soll, spricht die Erinnerung der Tochter eines Soldaten, der bei der Bombardierung umgekommen war. Ihre Mutter hätte noch lange Zeit nach dem Krieg davon erzählt, dass der Kommandant nach dem Krieg in Hamburg gelebt hätte.

 

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