Jüdische Friedhöfe nach 1945 – So manche Begräbnisstätte diente weiterhin als Müll- und Weideplatz

Der Dorstener jüdische Friedhof im Naturpark Hasselbecke an der Marler Straße ist bereits im Jahr 1628 nachgewiesen, als es in Dorsten keine Juden mehr gab; Foto: Wolf Stegemann 2010

Von Wolf Stegemann

Als der Krieg zu Ende ging und das NS-Regime durch eine von den Alliierten eingesetzte Verwaltung ersetzt wurde, blieben verwüstete jüdische Friedhöfe noch lange Zeit in verwildertem Zustand. Obwohl schon Ende 1945 vom Oberpräsidenten der Provinz Westfa­len die Bürgermeister angewiesen wurden, die jüdi­schen Friedhöfe wieder instand zu setzen, blieb der Friedhof Hasselbecke weiterhin verwahrlost. Und andere auch. Im Januar 1946 gab der damalige Bürgermeister Weber einen internen Zustandsbericht über den jüdischen Friedhof Hasselbecke:

»Der hier vorhandene Juden­friedhof befindet sich in einem sehr verwahrlosten Zustande. Die Einfriedung (Eisengitter) ist seinerzeit von der SA entfernt worden. Die Grabsteine sind um­geworfen, die Gräber und Wege sind vom Unkraut der­art überwuchert, dass sie nicht zu erkennen sind. Mit der Wiederinstandsetzung dürfte das Hauptamt bzw. die Polizei zu beauftragen sein. Ebenso ist es Sache der Polizei, die Personen, die am 9. November 1938 Mitglieder der SA waren, zu ermitteln, und zu den erforderlichen Ar­beitsleistungen heranzuziehen.«

Regierungsanordnung: Frühere SA-Männer mussten die Friedhöfe reinigen

Grundlage dafür war eine Verordnung der Regierung, dass SA-Männer, die während der Zerstörung der Friedhöfe am 9. November 1938 Mitglied in der SA wa­ren, die Friedhöfe wieder herzurichten hatten, ob sie nun persönlich an den Schandtaten beteiligt waren oder nicht. Schwer war es nicht, die SA-Männer zu ermitteln. In Wulfen wurde ein Gärtner beauftragt, den kleinen Friedhof »Auf der Koppel« zu säubern. Die Kosten wurden auf acht ehemalige SA-Leute umgelegt, so dass jeder 11,90 Reichsmark zahlen musste. Zwei von ihnen weigerten sich, worauf sich der Gärtner beim Landrat beschwerte.

Einweihung der Ehrentafel in Lembeck mit der Stadt- und Ratsspitze sowie Bürgern

Der Lembecker Friedhof wurde während der NS-Zeit nicht zerstört. Auf ihm befand sich lediglich ein Grab ohne Stein. Dennoch mussten auf Veranlassung des Bürgermeisters Sondermann im Januar 1946 ehema­lige SA-Männer aus Lembeck den Friedhof »Zum Holtberg« von Unkraut reinigen. Der zur Gemeinde Lembeck gehörende kleine Fried­hof in Wessendorf, auf dem Juden aus Klein Reken be­erdigt sind, musste von Schuttbergen geräumt werden. Auch nach der Nazi-Zeit benutzten Lembecker und Rekener Bürger den Friedhof weiterhin als Müllplatz. Auf ein Schreiben des Bürgermeisters an den Landrat hin wurde 1948 ein Schild »Schuttabladen verboten« angebracht. – Gras überwucherte den unzerstörten Friedhof in Erle. Die vier Gräber waren nicht zu sehen. Irrtümlich mel­dete der Bürgermeister der Regierung, es seien keine Gräber vorhanden.

Dorsten tat sich schwer, den zerstörten Friedhof wieder herzurichten

Besonders zäh verliefen die Wiederherstellungsarbei­ten in Dorsten. 255 Vorarbeiterstunden und 408 Arbei­terstunden rechnete im März 1946 die Firma Richard Sender bei der Amtsverwaltung ab. Im August 1948 be­anstandete die in Dorsten geborene Tochter der jüdi­schen Eheleute Freyda, Rosalie Ulmer, anlässlich eines Besuchs in Dorsten die völlige Verwahrlosung des jüdi­schen Friedhofs, auf dem immer noch Vieh weide und Kinder spielten, obwohl sie mehrmals Beschwerde ein­gelegt habe. Der Kreis schaltete sich ein und überwies 1.000 Reichs­mark an die Stadt, damit schnellstens Abhilfe geschaf­fen werde. Die Polizeistation wurde angewiesen, Kon­trollen durchzuführen. Festgestellt wurde, dass der Friedhof weiterhin als Weideplatz von dem Bauern F. benutzt werde, Gräber seien wegen des hohen Grases nicht zu erkennen.

Bürgermeister Ritter und Stadtdirekor Dr. Zahn legten am Volkstrauertag auch am jüdischen Friedhof einen Kranz nieder; Foto: Wolf Stegemann

Im Oktober 1948 griff das Innenministerium in Düssel­dorf ein, das den Oberkreisdirektor aufgrund eines Zeitungsartikels in einer Düsseldorfer Zeitung auffor­derte, den jüdischen Friedhof Hasselbecke in einen würdigen Zustand zu versetzen. Der Regierungspräsi­dent, über dessen Schreibtisch der Brief ging, rekla­mierte bei der Stadt, da ihm stets berichtet worden sei, der Friedhof sei in einem ordentlichen Zustand. Bis März 1949 wolle er den endgültigen Bericht, dass der Friedhof wiederhergestellt und eingezäunt sei. Im Februar 1949 warfen Unbekannte Grabsteine um. Die Polizei mutmaßte, dass es sich bei den Tätern um Jugendliche oder um Kinder gehandelt habe. Die Er­mittlungen blieben ohne Erfolg. Statt eines geforder­ten Eisenzauns, mit dem der Friedhof früher umge­ben war, wurde aus Kostengründen ein Maschenzaun errichtet und 1952 das Eingangstor erneuert.

Einweihung der Ehrentafel am jüd. Friedhof in Wulfen, die Landesrabbiner Davidovic (l.) und Rolf Abrahamson von der jüd. Gemeinde 1983 vornahm; Foto: Holger Steffe

Seit 1984 Gedenktafeln an allen jüdischen Friedhöfen

Auf Initiative der Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz brachte die Stadt Dorsten im Januar 1984 an allen jüdischen Fried­höfen auf Dorstener Stadtgebiet Gedenktafeln an, die der inzwischen verstorbene Landesrabbiner von Westfalen, Emil Davidovic, der damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde sowie Geistliche der beiden christlichen Kon­fessionen in einer Feierstunde enthüllten. Die von Tisa von der Schulenburg gestal­teten Tafeln tragen u. a. die Inschrift: »Dem Gedenken unserer jüdischen Mitbürger, die in den Jahren 1933 -1945 Opfer der Gewaltherrschaft wurden.« Seit 1985 legte jahrelang am Volkstrauertag Bürgermeister und Stadtdirektor am jüdischen Friedhof einen Kranz nieder.

Friedhof in Lembeck-Wessendorf war lange Zeit nach dem Krieg Müllplatz

Auf ehemals Lembecker Gebiet liegt der Friedhof der früheren jüdischen Gemeinde zu Klein Reken. Der damals 146 Quadratmeter große »Kirchhof« auf dem Neuenkamp (heute »Am Mühlenweg«/»An der Landwehr«) ist bereits in der Katasteruraufnahme im Jahre 1825 erfasst. Als Eigentümerin ist die Judengemeinde Klein Reken genannt, deren Vertreter damals Raphael Humberg war. 1906 wurde die Grundbucheintragung in »Synagogenuntergemeinde zu Klein Reken« berich­tigt. 1952 ist im Grundbuch die »Jewish Trust Corporation for Germany Limited« in London als Eigentümerin des mittlerweile 260 Quadratmeter großen Grundstückes ausgewiesen. Nach dem Kriege wurde der Friedhof noch lange Zeit als Müll­abladeplatz benutzt. Im Zuge der kommunalen Ge­bietsreform kam der Friedhof, der heute in einer Größe von 364 Quadratmetern ausgewiesen wird, im Jahre 1975 zum Gebiet Reken und somit zum Kreis Borken. Eine Gedenktafel erinnert an die ein­stige Benutzung dieser Fläche als jüdischer Fried­hof.

Fam. Cahn 1932 in Erle: Levi C., Caroline C. (sitzend), seine beiden Schwestern und Tochter Else

Kleiner Friedhof Erle

Obwohl bei den Bestandsaufnahmen jüdischer Friedhöfe des Amtes Hervest-Dorsten im Jahre 1948 auch der kleine Friedhof in Erle erwähnt wurde, blieb er jahrelang vergessen. Erst 1961 meldet der Amtsdirektor dem Regierungspräsidenten diesen Friedhof an der Ecke Schermbecker Straße/»Westerholten«: »…wird berichtet, dass nachträglich noch ein weiterer Friedhof im Amtsbezirk Hervest-Dorsten ausfindig gemacht wurde.« Besitzerin des 220 Quadratmeter großen Dreiecksgrundstücks, auf dem vier Gräber der Familie Cahn ohne Grabsteine erkennbar sind, war damals Bernhardine Frerick, die das Grundstück 1952 von Elisa­beth Cahn aus Essen-Borbeck und der Witwe Erna Heymann, geborene Cahn, aus Johannisburg (Süd­afrika) käuflich erworben hatte. Die Gemeinde Erle erwarb das Grundstück 1963 für 1.000 DM. Nach Angaben der früheren Gemeindeverwaltung ist dieser Friedhof während der NS-Zeit weder zer­stört noch geschändet worden.

Friedhof »Auf der Koppel«in Wulfen

Der heute etwa 260 Quadratmeter große Friedhof liegt versteckt zwischen Fichten »Auf der Koppel« in Wulfen. Abraham Moises erwarb das Grundstück »Kirch­hof« im Jahre 1838. 1856 erfolgte die Umschreibung des Grundstücks auf Moises Moises, das nun im Grundbuch die Bezeichnung »Koppel-Begräbnis­platz« führte. 1904 wurde das Grundstück auf den Namen Meier Moises umgeschrieben, 1936 auf den Kaufmann Josef Moises. Dieser ist als Ei­gentümer im Grundbuch eingetragen, obwohl er 1939 nach Palästina auswanderte und inzwischen verstorben ist. 1937 erwarb der Wulfener Kaufmann Josef Leben­stein das Grundstück an der Westseite des Friedho­fes, das dem Grafen von Merveldt gehörte. Nach dem Pogrom vom November 1938, als die Nazis jü­dischen Besitz endgültig »zwangsarisierten«, ver­kaufte der Viehhändler Lebenstein, Wulfen 9, ne­ben anderen Grundstücken auch seinen Teil des Friedhofsgrundstücks an Heinrich Harding. In dem Vertrag vom 12. Dezember 1938 wird darauf hingewiesen, dass bisher nur auf dem östlichen Teil des Herrn Moises Beerdigungen stattgefunden hätten; das westliche Grundstück Lebenstein könne daher frei genutzt werden.

Jüdischer Friedhof "Auf der Koppel" in Wulfen; Foto: Christian Gruber

In der Nazizeit wurde der Friedhof verwüstet. Nach dem Krieg mussten Wulfener SA-Männer für die In­standsetzungsarbeiten aufkommen. In der Umlegung 1958 wurde auch dieses Grundstück in der Form verändert und vergrößert. 1961 verkaufte Harding seinen Teil des Friedhofs an die Gemeinde Wulfen. Bei der Eingemeindung in die Stadt Dorsten ging dieser Teil in städtisches Eigen­tum über. Von den acht Gräbern (alle ohne Grab­stein) sind nur zwei an der Steinumfassung beschrif­tet. In den drei Kindergräbern sind Susanna Moises (gestorben 1897), Adolf Moises (gestorben 1897) und Hermann Moisés (gestorben 1902) begraben. Weitere Grabstätten: Moisés Moisés (gestorben 1913), dessen Ehefrau Henriette Moises, geb. Wert­heim (gestorben 1910), Meier Moises (gestorben 1937), Lina Levi (gestorben 1937), Alexander Le­benstein (gestorben 1934), dessen Ehefrau Amalie (gestorben 1936), Marcus Lebenstein (gestorben 1920).

Steinsetzung 2014 in Wulfen mit Rolf Abrahamson (Mitte mit Stock); Foto: Bludau (Wulfen-Wiki)

Gedenkstein 2014 mit den Namen der Bestatteten enthüllt

Auf Anregung der Geschichtsgruppe des Heimatvereins Wulfen wurde 2014 auf dem jüdischen Friedhof in Wulfen ein Gedenkstein gesetzt, der an die jüdischen Bürger der Familien Lebenstein, Levi  und Moises namentlich erinnert, die hier bestattet sind. An der feierlichen Steinsetzung nahmen u. a. Vertreter der jüdischen Gemeinde Kreis Recklinghausen sowie Dorstens Bürgermeister teil. Rolf Abrahamson (Marl) enthüllte den Stein. Er war es auch, der 31 Jahre zuvor als damaliger Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen die Bronzetafel am Eingang des Friedhofs enthüllte, welche die Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“ anbringen ließ (siehe 4. Bild von oben).

 

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