Kampfflugzeug war im sandigen Hervester Boden 45 Jahre lang der Sarg des 19-jährigen Piloten

Von Wolf Stegemann

Tagelang wurden 1989 die sterblichen Überreste eines deutschen Kampfpiloten in der Leichenhalle des Holsterhausener Waldfriedhofs aufbewahrt, bevor sie nach Stuttgart überführt werden konnten. Denn von dort stammte der junge Pilot.

Die Erkennungsmarke hatte das Skelett des Piloten um den Hals

Der Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidenten Münster hatte schon lange den Hinweis auf ein 1944 von Alliierten abgeschossenes Kampfflugzeug der deutschen Luftwaffe. Im Oktober rückten die Männer an, um es aus dem sandigen Boden einer Wiese an der Hervester Straße herauszuholen. Sie mussten nicht tief graben. Da nicht bekannt war, ob sich die Überreste des Piloten noch in der Maschine befanden, gingen die Männer des münsterschen Kampfmittelräumdienstes mit der gebotenen Pietät vor, schirmten die Grabungsstelle mit Tüchern gegen fremde Blicke ab.  Schließlich entdeckten sie das Skelett des Piloten auf dem Führersitz in der Flugzeuggondel, eingehüllt in seine Kampfmontur. Es sah gespenstisch aus: Seine Knochen steckten in Stiefeln, Hose, Lederjacke und sein Totenschädel in einer Lederkappe. Neben ihm lag die Einsatzkarte. Auch für die erfahrenen Männer des Kampfmittelräumdienstes war der Erhaltungsgrad all dessen, was sie in der engen Kabine vorfanden, bestens erhalten. Denn es fand in dem abgeschossenen Flugzeug lediglich eine Verpuffung statt, also keine Explosion, und das zu Boden trudelnde Flugzeug rammte sich tief in den sandigen Heideboden der Hervester Wiese ein. Somit gab es auch keinen großen Crash. Propeller und andere Teile des Flugzeugs waren zwar verbogen, aber bestens erhalten.

Soweit die Situation im Oktober 1989, wie sie vom Verfasser dieser „Nachkriegs“-Geschichte als Journalist der Dorstener Tageszeitung „Ruhr-Nachrichten“ (heute Dorstener Zeitung) vor Ort gesehen und erlebt wurde. Hier sein Bericht:

Die Fliegeruhr des Piloten

Natürlich haben mich Geschichte und Umstände des Absturzes und der Ausgrabung sehr interessiert und angerührt. Da wird nach 45 Jahren ein gerade 19 Jahre alt gewordener Pilot, wahrscheinlich nicht einmal gut ausgebildet, aus seinem Flugzeug geholt, das bis dahin sein Sarg war, um ein christliches Begräbnis zu erhalten und den Angehörigen die Gewissheit zu geben, der vermisste Angehörige sei endlich gefunden worden.

Die Männer des Kampfmittelräumdienstes des Regierungspräsidenten Münster gaben vor Ort und in Münster keine Auskunft über das Flugzeug und den Toten. Denn die Angehörigen sollten verständlicherweise nicht aus der Zeitung erfahren, dass der Vermisste gefunden wurde. Der Dienstweg in solchen Fällen ist vorgeschrieben. Alle Informationen über den Toten und das Flugzeug mussten zuerst an die Deutsche Dienststelle nach Berlin gemeldet werden, die Personalakten von ehemaligen Wehrmachtangehörigen aufbewahrt, die Toten identifiziert und die Angehörigen benachrichtigt. Dies würde bedeuten, dass Informationen erst einmal hinter dem Datenschutz zurückstehen mussten.

Verlustmeldung am 13. Dezember 1944

Allerdings sind Journalisten oft ungeduldig und bestrebt, möglichst schnell ihre Leser zu informieren. Daher entsann ich mich eines Bekannten beim Regierungspräsidenten, den ich von meiner Forschungsarbeit „Dorsten unterm Hakenkreuz“ her gut kannte. Ihn rief ich an. Er wollte sich in seiner Behörde über den Piloten sachkundig machen.

Schon eine Stunde später bekam ich seine Informationen: Bei der am 5. Dezember 1944 abgeschossenen Maschine Bf 109 G-14 (Verlustmeldung vom 13. Dezember 1944 „durch Feindbeschuss an unbekanntem Ort“) handelt es sich um die Maschine des Jagdpiloten und Oberfähnrichs Herbert Reiner aus Stuttgart. Der am 28. Februar 1925 geborene Flugzeugführer gehörte dem Jagdgeschwader 27 (Gruppe I) an, das zuletzt in Rheine stationiert gewesen war. Er galt als vermisst und wurde 1980 vom Amtsgericht Stuttgart für tot erklärt.

Was besonders anrührte, war, dass das, was der Pilot mit sich führte, noch völlig erhalten war. Darunter die Einsatzkarte mit seinem Namen und seinen Eintragungen über Einsätze und seinen letzten Kampfeinsatz über Dorsten, persönliche Gegenstände wie Brieftasche und Portemonnaie, in dem sich noch Fotos und zwei erhaltene Geldscheine sowie einige Münzen befanden. Durch die Verpuffung beim Absturz wurde nichts zerstört, lediglich die Einsatzkarte wies blau verfärbte Ränder auf. Und alles stank furchtbar nach Flugbenzin.

Die noch lesbare Einsatzkarte des Flugzeugführers

Der Bruder in Stuttgart staunte

Mit den Informationen über den Toten, die ich noch während der Ausgrabung bekommen hatte, machte ich in Zusammenarbeit mit den „Stuttgarter Nachrichten“ den Bruder des abgeschossenen Piloten ausfindig: Wilhelm Reiner. Mit dem auf schwäbisch gesagtem Satz: „O mei Hergöttle, o mei Hergöttle, i bin total platt“ reagierte er mit großer Betroffenheit und Verblüffung auf meine telefonische Nachricht, sein Bruder sei gestern in Dorsten gefunden worden. Denn noch drei Monate zuvor hatte er beim Suchdienst des Roten Kreuzes nachgefragt und die Auskunft erhalten, er solle sich keine Hoffnungen mehr machen über das Auffinden seines vermissten Bruders. Tage später wurden die sterblichen Überreste des Piloten von Holsterhausen aus nach Stuttgart überführt.

Die Geschichte hatte noch ein weiteres Nachspiel. Ich habe mich beim Regierungspräsidenten und beim damaligen Leiter des Kulturamtes, Wolfgang Müller, dafür stark gemacht, dass Teile des Flugzeugwracks für das damals noch bestehende Dorstener Heimatmuseum gesichert werden sollten, dem Wolfgang Müller dann auch zustimmte. Ausgegrabene Teile des Flugzeugs wie Höhenruder, Propeller, Portemonnaie, Erkennungsmarke und anderes stanken so fürchterlich nach Flugbenzin, dass es in allen Gängen der Dorstener Bildungsgebäudes von der VHS bis zur Bibliothek unerträglich danach roch. Das machte alle Beteiligten unsicher, wie und wo die Sachen aufzubewahren waren. Daher gingen sie schließlich zurück an den Regierungspräsidenten Münster.

Während das Flugzeug an der Hervester Straße ausgegraben wurde, kamen viele Nachbarn hinzu. „Als Kinder waren wir ganz scharf auf Maschinenteile von abgeschossenen Flugzeugen“, erinnerte sich einer von ihnen, der auch mal ein Maschinengewehr ausgebaut hatte. Überhaupt, meinte er, waren alle Jungs zur Stelle, wenn irgendwo im Stadtgebiet ein Flugzeug abgeschossen wurde. Und etliche erinnerten sich, wo sonst noch abgestürzte Flugzeuge im sandigen Boden verschwunden sein müssten, darunter eine B 52, die so genannte „Fliegende Festung“ der Amerikaner.

 

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3 Kommentare zu Kampfflugzeug war im sandigen Hervester Boden 45 Jahre lang der Sarg des 19-jährigen Piloten

  1. Andreas Mangiacapra sagt:

    Tolle Recherche… kann man die Teile des Fliegers nun noch irgendwo sehen?

    Anmerkung des Autors: Danke für die Zuschrift. Vermutlich wurden die Flugzeugteile vom Kampfmittelräumdienst vernichtet!

  2. Carsten Knapmann sagt:

    Die B-52 ist 1952 eingeführt worden, kann also nicht im elenden 2. Weltkrieg abgestürzt sein. Als “Flying Fortress” war der Bomber B-17 bekannt.

    Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweis!

  3. Reinhard Gramadtke sagt:

    Ich bedanke mich für die sachlichen und realen Informationen. Viele junge Menschen
    mussten sterben für eine menschenverachtende Weltanschauung. Es macht mich betroffen.

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