Noch 1946 für die Demokratie untragbar, wurde er zwei Jahre später Bürgermeister. Paul Schürholz blieb es, hoch geehrt und geachtet, 16 Jahre lang

Paul Schürholz an seinem 70. Geburtstag

Von Wolf Stegemann

Neben dem »kleinen Walter« hängt der »dicke Paul«, die größte Glocke im Glocken­stuhl der Stadtpfarrkirche St. Agatha. Wenn sie ertönt, dann erinnern ihre tiefen Schläge, die über den Markt klingen, an Paul Schür­holz, der die Paulus-Glocke an seinem 70. Geburtstag 1963 stiftete und die deshalb auch seinen Namen trägt.

Der Dorstener Marktplatz ist stets Wirkungsort der Familie Schürholz gewesen. Seit 1816 gab es dort über 170 Jahre lang das Kaufhaus Schürholz (heute Thalia-Buchhandlung). Dort lebte auch Paul Schürholz, der am 27. Januar 1972 im Alter von 78 Jahren verstarb. Bei seiner Beerdi­gung stimmte der »dicke Paul« ein zwanzig­ Minuten langes Trauergeläut an. Es trauerte die ganze Stadt. Paul Schürholz starb als ein von vielen Menschen geachteter Mann. Das Verdienst erwarb er sich als lang­jähriger Bürgermeister der Stadt in einer Zeit, die tatkräftige, besonnene und einsatz­bereite Bürger forderte. Paul Schürholz war so ein Mann. 16 Jahre lang leitete der spätere Ehrenbürger von 1948 bis 1964 als CDU-Bürgermeister die politischen Geschicke dieser Stadt und maßgeblich den Wiederaufbau. Als Schürholz 1963 das Große Bundesverdienstkreuz verliehen be­kam, teilte er seine Devise mit, die lautete: »Überall dort, wo Menschen in Not sind, wo insbesondere der sozial Schwache der Hilfe bedarf, haben wir uns einzusetzen im Sinne des Wortes: Wer nichts für andere tut, tut nichts für sich.« Paul Schürholz tat viel für andere: in zahlreichen Ausschüssen des Ra­tes, im Verkehrsverein, im Jägerverein, im Kuratorium des Elisabeth-Hospitals, im Schützenverein, im Kirchenvorstand von St. Agatha und vielen anderen Verbänden und Vereinen.

Paul Schürholz als Schützenoberst der Altstadt

Die Gnade des Himmels

Schürholz erwarb Achtung und Ansehen. Als Kaufmann hatte er stets ein wachsames Auge darauf, dass auch die Geschäfte liefen. Nicht nur in seinem Textilkaufhaus, dessen Leitung er 1925 gemeinsam mit seinem Bru­der übernommen hatte, auch das Gesellige, verbunden mit den traditionellen Werten der Väter, lag ihm. Paul Schürholz war Oberst bei den Altstadtschützen (auch mal König). Bei seinem 70. Geburtstag be­schrieb der damals amtierende König, Rek­tor Johannes Pasterkamp, die Bedeutung des Geburtstagskindes mit großen Worten: »Die Gnade des Himmels war es, die Ihre Ta­lente wirksam machte für die große Gemein­schaft.«

Bleibt man bei dieser Aussage, dann mag es auch die Gnade des Himmels gewesen sein, die dem Kommunalpolitiker Paul Schürholz nach Kriegsende beistand. Denn Arges musste er sich im August 1946 anhören: Der örtliche Unterausschuss der Entnazifizie­rungsbehörden beurteilte ihn offiziell als »Militaristen« und verlangte Sanktionen. Die britische Militärregierung meinte am  8. August 1946: »May not be employed, known as mili­tant, member of 9 NS organisations.« Paul Schürholz war also Mitglied in neun NS-Organisationen. Im harmlosen Ferienverein »Kraft durch Freude« genauso wie im gleich­geschalteten Roten Kreuz. Er gehörte der Deutschen Arbeitsfront an, den Deutschen Jägern, dem NS-Reichsbund für Leibes­übungen, dem NS-Reichskriegerbund und der NSV. In die SA trat er 1934 ein, der NSDAP gehörte er vom 1. April 1938 bis zum Ende an. Dieses Ende erlebte er als Wehr­machts-Hauptmann. Schürholz geriet 1945 in Münster in Gefangenschaft und kam in das Lager Rheinberg (siehe auch Fallbeispiele unter Entnazifizierung).

Der Kommunalpolitiker musste in der Zeit des Umbruchs um sein politisches Renom­mee besorgt gewesen sein, war er doch zwölf Jahre lang ein exponierter Vertreter der braunen Kommune und, wie seine Witwe an­merkte, mit Leib und Seele Kommunalpoliti­ker. Etliche Dorstener haben ihm seinen po­litischen Wechsel vom katholischen Zentrum zu den gottlosen Nazis und nach dem Kriege die allzu augenfällige Rückkehr von der antichristlichen Politik des NS-Regimes zur christlichen Politik nicht vergessen. »Er hat sein Fähnchen nach dem Wind gerichtet«, meint einer, und ein anderer: »Der Paul? Der stand doch nach dem Kriege am Trümmerhaufen der Agathakirche und schlug Mörtel von den Steinen ab. Aber immer nur dann, wenn er von vie­len gesehen wurde. Aber er hat sich als guter Bürgermeister bewiesen.«

Bürgermeister Paul Schürholz spricht beim Festakt zur Einweihung des wieder errichteten Kloster- und Schulgebäudes der Ursulinen 1954

Unermüdlich für den Wiederaufbau eingesetzt

Erinnert sei auch an die Auseinandersetzungen im Stadtrat der späteren Jahre zwischen ihm und dem früheren HJ-Stammführer Werner Kirstein (siehe dort), die sich gegenseitig beschuldigten, der grö­ßere Nazi gewesen zu sein. Unbestritten hat Paul Schürholz, trotz der in dieser Form seltenen Bedenken der Entnazi­fizierer, seinen politischen Weg in der Demo­kratie gefunden – wie Kirstein auch. Mit unermüdlichem Fleiß hat er sich um den Auf­bau des Gemeinwesens gekümmert. »Mein Mann war ein vitaler Mensch«, erinnert sich seine Witwe, »deshalb konnte er die Strapa­zen seines Amtes in der Zeit durchstehen, wo Dorsten nur noch ein Trümmerhaufen war.« Schürholz erholte sich an den seltenen freien Abenden oder an Wochenenden auf der Jagd. »Wenn mein Mann nach Hause kam und die Tür hinter sich schloss, pflegte er zu sagen, dass er jetzt einen Feiertag habe.« Mit dem Agatha-Pfarrer Westhoff verban­d ihn nicht nur die dicken Zigarren, die sie miteinander rauchten, sondern auch eine tiefe Freundschaft.

Paul Schürholz bei einer Flugzeugtaufe des Luftsportvereins auf dem Marktpkatz 1956

»Den Stürmen der kommenden Zeit trotzen«

Reden halten konnte Paul Schürholz zu allen Zeiten und am liebsten zu seinen Lieblings­themen: Wirtschaftspolitik und Heimat­pflege. Hier zeigte der Lokalpatriot, dass er nicht nur ein Mann des Anpackens war, son­dern auch einer, der seine Dorstener mit ker­nigen Ansprachen begeistern konnte. Bei der Trauerfeier am 22. März 1955 anlässlich der 10. Wiederkehr der Bombardierung der Stadt erinnerte Bürgermeister Paul Schür­holz an »diese dunkle Stunde der leidgeprüften Stadt« und appellierte an den Lebenswil­len der Stadt und ihrer Bürger:

»Das Leben verlangt von uns mehr (als Blu­men und Trauerkränze): Unsere Toten im Herzen, müssen wir unser Leben und unse­ren Lebenswillen dem Wiederaufbau der Heimat zuwenden, solange wir atmen, so dass die Generation, die mit eigenen Augen den Untergang ihrer Heimat gesehen hat, noch erlebt, wie aus Trümmern und Ruinen das neue Dorsten ersteht, einst das Land ih­rer Väter, demnächst die Heimat ihrer Kin­der… Wahrzeichen und Wegweiser für den nach Dorsten strebenden Menschen (ist) der Kirchturm von St. Agatha (als) Symbol des Lebenswillens der Bürger… Unser einst so geruhsames, einst so friedliches Städtchen ist im Zuge des Wiederaufbaus zu einer ge­waltigen Baustelle geworden, die jedoch, ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Lebenser­halt und Lebensform sichert… Wir sehen be­reits am Horizont einer nahen Zukunft ganz neue Probleme der Industrialisierung mit gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Fra­gen sich abheben. In dieser Zeit geben wir unserem Lebensgebiet eine neue Form, ei­nen neuen Rahmen. Dass wir diesen Rah­men mit einem solchen Geist und einem sol­chen Inhalt ausfüllen, die den Stürmen kom­mender Zeiten trotzen können, das ist neben dem materiellen Wiederaufbau die große Le­bensaufgabe unserer Generation…«

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