Munitionszerlegebetrieb Hünxe – Englischer Sprengstoff riecht nach Marzipan, deutscher stinkt

W. St. – „Wie die Häuser von Märchengestalten oder Hobbits sehen die mit Gras bewachsenen Bunker mit ihren kleinen Kaminen aus. Doch was sich in ihrem Inneren befindet, ist weniger beschaulich: Ordentlich gestapelt und an den weißen Wänden aufgereiht, liegen hier mehrere Hundert mit Erde und Rost beschmutzte Metallkörper übereinander. Nicht nur die Kälte in dem garagengroßen Raum jagt einem kalte Schauer über den Rücken. Was hier lagert, ist zwar über 65 Jahre alt, aber immer noch genauso gefährlich. Die Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg enthalten zwischen fünf und 13 Kilogramm Sprengstoff. Der begrünte Bunker ist einer von 13 auf dem Gelände des Munitionszerlegebetriebs Hünxe, nahe Dorsten, in dem scharfe Blindgänger und Fundmunition darauf warten, auf friedliche Weise entsorgt zu werden“ (Welt am Sonntag).

Munition wird fachmännisch zerlegt und vernichtet

Zuständig für das Zerlegen entschärfter aber dennoch weiterhin explosiver Munition ist das Land, das zwei eigene Munitionszerlegebetriebe unterhält – in Ringelstein und in Hünxe. 993 Bomben und knapp 18.000 Granaten und andere Kampfmittel wurden allein 2009 aus dem nordrhein-westfälischen Erdreich geborgen. Über 300 mussten direkt vor Ort gesprengt werden. Der Rest wird in den Zerlegebetrieben endgültig unschädlich gemacht. Die Entsorgungstechnik des niederrheinischen Werks in Hünxe wurde aufwändig modernisiert und vergrößert, so dass der Zerlegebetrieb im westfälischen Ringelstein stillgelegt werden konnte.

Wie in einem Kriegsmuseum

Hunderte Mörser- und Handgranaten, Soldatenhelme, Gewehre und Panzermunition in allem Formen und Größen reihen sich auf den Regalen und in den Vitrinen in der Backsteinbaracke aneinander. Was aussieht wie ein Kriegsmuseum, wie ein Paradies für Waffennarren und Militaristen, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Mustersammlungen des Hünxer Zerlegebetriebs dienen lediglich zu Ausbildungszwecken. Denn das wichtigste Kapital der Kampfmittelbeseitiger ist ihr Wissen um die verschiedenen Munitionsarten. Kampfmittel aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und selbst Kanonenkugeln aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 lagern hier geputzt und beschriftet. In einer größeren Halle liegen gewaltige Bomben nebeneinander, darunter überdimensionale Luftminen, die einst mit bis zu 1.700 Kilogramm Sprengstoff gefüllt waren und Häuser abdecken oder Staudämme zerstören sollten. Das Zerlegen und Vernichten der Munition, Blindgänger, Bomben und Granaten ist nach wie vor gefährlich. 2008 starb ein 49-jähriger erfahrener Mitarbeiter beim Zersägen eines Sprengkörpers, der plötzlich explodierte. Ein tödlicher Unfall davor ereignete sich 1983.

Wie in einem Kriegsmuseum; Foto: Walter Biermann

Einige Bomben und Granaten müssen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe oder ihres Zustands ohnehin auf dem ursprünglichen Weg zerstört werden: An etwa zehn Tagen im Jahr wird in Hünxe Munition gesprengt. Das betrifft vor allem Nebelmunition, die einst den Feind irreführen sollte. Die Mitarbeiter erkennen die Herkunft des Sprengstoffs schon am Geruch. „Englischer Sprengstoff riecht nach Marzipan, deutscher stinkt eher.“

Herzstück der modernen Entsorgungsanlage ist ein riesiger Reaktor. Der über 20 Meter hohe Behälter fasst 140 Tonnen kleine Stahlkugeln. Die ganzen oder zersägten Granaten kommen von oben in den Reaktor. Im Innern ist es bis zu 700 Grad heiß, der Sprengstoff explodiert und das Kugelbett nimmt den Druck auf. Am Ende bleiben von den Granaten nur der Stahl und einige Nebenprodukte der Reinigung übrig. Eine Recyclingfirma verwertet die Stoffe weiter. So kann aus menschenfeindlichen Granaten und Bomben noch etwas Vernünftiges werden: Autos oder Operationsbesteck zum Beispiel.

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Quellen: Teilweise entnommen und zitiert nach Katharina Bons „Nichts für Blindgänger“ in „Welt am Sonntag“ vom 14. November 2010. – Ralf Schneider „Hünxe will neuen Ofen“ in „Rheinische Post“ vom 24. Mai 2007. – Michael Turek und Peter Neuer „Granate tötet 49-Jährigen“ in „Rheinische Post“ vom 17. Juni 2008.
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