Clemens August Graf von Galen: „Wir sind Amboss und nicht Hammer“ – Auszüge aus den Brandpredigten des Bischofs von Münster

Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster

Bei einer Kontrolle auf dem Bahnhof in Drevenack fand die Polizei in der Aktentasche des geistlichen Rektors Laurenz Schmedding, des Religionslehrers der Dorstener Ursulinenschule, Abschriften dieser Bischofspredigten. Er wurde zwei Tage spä­ter verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Der evangelische Pastor Stellbrink aus Münster wurde am 10. November 1943 wegen Verbreitung und Kommentierung der berühmten „Brandpredigten“ des Münsterschen Bischofs Clemens August Graf von Galen in Hamburg hingerichtet. Als der Bischof im Juli und August 1941 seine drei Predigten gegen die Vertreibung der Ordensleute aus ihren Klöstern und gegen die Tötung von Geisteskranken hielt, wusste er, dass er sich dadurch gefährdet hatte. Er gab seinem Kaplan Anweisung, ihm nach der Predigt einen Koffer mit Wäsche ins Gefäng­nis zu bringen.

Der Bischof wurde jedoch nicht verhaftet. Zwar geriet Hitler außer sich und drohte, man werde nach dem „Endsieg“ es dem Bischof von Münster „auf Heller und Pfen­nig“ heimzahlen und die Kirche mit Stumpf und Stiel ausrotten. Aber Propagandamini­ster Goebbels riet vorerst zur Mäßigung und zum Abwarten. Das katholische Volk des Münsterlandes war so aufgebracht, dass Goebbels bei etwaigen Maßnahmen gegen den Bischof eine die „Heimatfront“ gefähr­dende Reaktion in Münster und ganz West­falen befürchten musste. Die Zeitung „Der Ruhrarbeiter“ schrieb am 4. Dezember 1941 (Jg. 10, Nr. 38):

„Der nationalsozialistische Staat greift in diesem Falle deshalb nicht ein, weil er dem August von Münster (!) nicht zu einem billi­gen Heiligenschein verhelfen will. Er soll sich nicht zum Märtyrer aufspielen können.“

Erste Brandpredigt vom 13. Juli 1941 zum „Klostersturm“

Schon mehrfach und noch vor kurzer Zeit haben wir es erlebt, dass die Gestapo unbe­scholtene, hochangesehene deutsche Men­schen ohne Gerichtsurteil und Verteidigung gefangen setzte, ihrer Freiheit beraubte, aus der Heimat auswies und irgendwo inter­nierte.

Der physischen Übermacht der Gestapo steht jeder deutsche Staatsbürger schutzlos und völlig wehrlos gegenüber. Völlig wehr­los und schutzlos! Das haben viele deutsche Volksgenossen im Laufe der letzten Jahre an sich erfahren. […]  Keiner von uns ist sicher, […] dass er nicht eines Tages aus seiner Woh­nung geholt, seiner Freiheit beraubt, in den Kellern und Konzentrationslagern der Gestapo eingesperrt wird. Ich bin mir darüber klar, das kann auch heute, dass kann auch eines Tages mir geschehen. Weil ich dann nicht mehr öffent­lich sprechen kann, darum will ich heute öffentlich sprechen, will ich heute öffentlich warnen vor dem Weiterschreiten auf diesem Wege, der nach meiner festen Überzeugung Gottes Strafgericht auf die Menschen herab ­ruft und zu Unglück und Verderben führen muss.

Zweite Brandpredigt vom 20. Juli 1941 zum Widerstehen

Gegen den Feind im Innern, der uns peinigt und schlägt, können wir nicht mit Waffen kämpfen. Da bleibt nur ein Kampfmittel: starkes, zähes, hartes Durchhalten! […] Wir sind in diesem Augenblick nicht Ham­mer. Sondern Amboss. Andere, meist Fremde und Abtrünnige, hämmern auf uns, wollen mit Gewaltanwendung unser Volk und selbst unsere Jugend neu formen, aus der geraden Haltung zu Gott verbiegen. Aber seht einmal zu in der Schmiede, fragt den Schmiedemeister und lasst es euch von ihm sagen: Was auf dem Amboss geschmie­det wird, erhält seine Form nicht nur vom Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückschlagen, er muss nur fest, nur hart sein! Wenn er hinreichend fest, zäh, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer. Wie heftig auch der Hammer zuschlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da und wird noch lange dazu die­nen, das zu formen, was neu geschmiedet wird.

Was jetzt geschmiedet wird, das sind die ungerecht Eingekerkerten, die schuldlos Ausgewiesenen und Verbannten. Gott wird ihnen beistehen, dass sie Form und Haltung christlicher Festigkeit nicht verlieren, wenn der Hammer der Verfolgung sie bitter trifft und ihnen ungerechte Wunden schlägt. Was in diesen Tagen geschmiedet wird, sind unsere Ordensleute, Patres, Brüder und Schwestern. […]

Was in dieser Zeit geschmiedet wird zwi­schen Hammer und Amboss, ist unsere Jugend, die heranwachsende, die noch unfertige, die noch bildungsfähig weiche Jugend! Wir können sie den Hammerschlägen des Unglaubens, der Christentumsfeind­lichkeit, der falschen Lehren und Sitten nicht entziehen. […] Was in dieser Zeit geschmiedet wird, seid fast alle ohne Ausnahme ihr alle. Wie viele sind abhängig durch Pensionen, Staatsren­ten, Kinderbeihilfen u. a. Wer ist denn heute noch unabhängig und freier Herr in seinem Besitz oder Geschäft? Es mag sein, dass, zumal im Kriege, eine starke Überwachung und Lenkung, Zusammenfassung und Zwangssteuerung von Produktion, Wirt­schaft, Erzeugnis und Verbrauch notwendig sind, und wer wird das nicht aus Liebe zu Volk und Vaterland willig tragen? Aber damit ist auch eine Abhängigkeit jedes ein­zelnen von vielen Personen und Dienststel­len gegeben, die nicht nur die Freiheit des Handelns beschränken, sondern auch die freie Unabhängigkeit der Gesinnung in schwere Gefahr und Versuchung bringen, wenn diese Personen und Dienststellen zugleich eine christentumsfeindliche Well­anschauung vertreten und bei den von ihnen Abhängigen durchzusetzen versuchen. Erst recht ist solche Abhängigkeit gegeben bei allen Beamten, und welcher Mut. welcher Heldenmut mag für manche Beamte dazu gehören, sich trotz allen Druckes noch immer als treue Katholiken zu beweisen und öffentlich zu bekennen! Wir sind zurzeit Amboss und nicht Ham­mer! Bleibt stark und fest und unerschütter­lich wie der Amboss bei allen Schlägen, die auf uns niedersausen! In treuestem Dienst für Volk und Vaterland, aber auch stets bereit, in äußerstem Opfermut nach dem Wort zu handeln: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“

Dritte Brandpredigt vom 3. August 1941 zur Euthanasie

Jene unglücklichen Kranken müssen ster­ben. weil sie nach dem Urteil irgendeines Arztes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission „lebensunwert“ geworden sind, weil sie nach diesem Gutachten zu den „unproduktiven Volksgenossen“ gehören. Man urteilt, sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft; sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist; sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit einer solch alten Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem solch lahmen Pferd? Mit einem solch unpro­duktiven Stück Vieh? – Nein, ich will den Vergleich nicht zu Ende führen, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft. Es handelt sich hier nicht um Maschinen, nicht um Pferd oder Kuh […].

Nein, hier handelt es sich um Menschen, um unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern – arme Menschen, kranke Men­schen – „unproduktive Menschen“ meinet­wegen. Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, als wir produktiv sind, solange wir als produktiv von anderen anerkannt werden? […] Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den „unproduktiven Menschen“ töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden! Wenn man die „unproduktiven Menschen“ töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesun­den Knochen eingesetzt, geopfert und einge­büßt haben!

Wenn man die „unproduktiven Menschen“ gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unse­ren braven Soldaten, die als Schwerkriegsverletzte, als Krüppel, als Invalide in die Heimat zurückkehren. Wenn einmal zugegeben wird, dass Men­schen das Recht haben, „unproduktive Men­schen“ zu töten, und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geisteskranke betrifft, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.

Am 28. Juli 1941 hatte der Bischof bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Münster Strafanzeige wegen Mord nach § 211 RStGB erstattet.

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Quelle: Einleitungstext gekürzt nach S. Johanna Eichmann OSU „Der späte Mut des Löwen von Münster. Seine Brandpredigten stärkten den Widerstand“ in Stegemann/Hartwig (Hg) „Dorsten unterm Hakenkreuz. Kirche zwischen Anpassung und Widerstand“ Band 2, 1984.
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Ein Kommentar zu Clemens August Graf von Galen: „Wir sind Amboss und nicht Hammer“ – Auszüge aus den Brandpredigten des Bischofs von Münster

  1. Annemarie B. sagt:

    respekt. ganz ehrlich, was anderes kann man nicht mehr zu diesem mann sagen.
    der hatte rückgrat, der hatte mut. respekt.

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