Das Kriegsende in Hervest, Holsterhausen, Altendorf-Ulfkotte, Rhade, Wulfen und Lembeck

Amerikanische Soldaten inspizieren das Wrack eines deutschen Jagdpanzers, März 1945

Von Wolf Stegemann

Hervest. Einige Tage vor dem Osterfest waren in Hervest die anrückenden Verbände der Alliierten mit dumpfem Kanonendonner schon zu hören. Nach und nach verschwanden die deutschen Soldaten aus dem Dorf. Die Bediensteten der Flak-Stabsstelle 403, die auf dem alten Sportplatz untergebracht war, setzten sich über die Lippe ab. Die Lippebrücke wurde nach dem Rückzug der Deutschen, gesprengt. Ein Soldat der Deutschen Wehrmacht irrte noch durchs Dorf. Er sah, dass am Fahnenmast vor der Paulusschule ein weißes Tuch gehisst war. Wütend riss er es herunter und hastete mit einer Panzerfaust zum Bunker gegenüber der Schule. Vier Panzer der Amerikaner rollten von der Mühle Hemming auf das Dorf zu. Nun schoss der Soldat den vorderen Panzer ab und verschwand. Aus den anderen Panzern sprangen Soldaten, befestigten Ketten an dem getroffenen Panzer und zogen ihn bis zur Halterner Straße zurück. Von dort aus wurde das Dorf beschossen. Die ersten Häuser und einige Scheunen brannten. Die beherzten Bewohner des Dorfes, Guste Bücker und Gerhard Tschirpig, die mit anderen im Schutzbunker an der Schule saßen, gingen mit einer weißen Fahne den Amerikanern entgegen. Mit ihren englischen Sprachkenntnissen klärten sie den verhängnisvollen Sachverhalt auf. Denn keiner wollte das Dorf  noch verteidigen. Nach den Verhandlungen mit den Amerikanern wurde der Beschuss gestoppt. Die amerikanischen Soldaten erlaubten den Bewohnern, die Brände zu löschen. Gründlich durchsuchten sie das ganze Dorf nach deutschen Soldaten. Berge von Material, Waffen und Munition hatten die deutschen Wehrmachtsangehörigen im Dorf zurückgelassen. Alle Waffen wurden von den Alliierten eingesammelt und weggefahren. Andere brauchbare Sachen und Materialien, sogar ganze Baracken verschwanden aus dem aufgegebenen deutschen Militärlager am alten Sportplatz. Für Hervest war der Krieg zu Ende.

Amerikanischer Soldat (GI)

Holsterhausen. Aus der Chronik der Schwestern des Idastifts (Originaltext): Der Abend des Palmsonntags war sehr unruhig. Die Gestapo, die SS und SA-Männer in unserem Hause waren sehr verstört. Man merkte ihnen an, dass die Gefahr für sie sehr nahe sein musste. Die „Flüsterpropaganda“ berichtete von der Front in Schermbeck und Kirchhellen. Auf einmal rollten 2 Lkw bei uns an. Die Braunen verstauten darauf, was sie in ihrer Not. und Angst eben konnten und räumten das Feld. Spähtrupps wollte man gesehen haben. Der Ortsgruppenleiter Berke hatte auf dem großen Bunker in Hervest-Dorsten die weiße Flagge hissen lassen; auch in der Kolonie sah man weiße Fahnen. Die „Braune Schwester“ ließ ihre Wohnung im Stich und verschwand. Der Ortsgruppenleiter Schwarz beantragte die SS für Holsterhausen. Sie sollten die Fahnen herunter holen. Eine furchtbare Nacht mit schwerem Arie-Beschuss [Artilleriebeschuss] setzte ein. Wir verbrachten die Nacht im Keller. Dann kam der Mittwoch vor Gründonnerstag. Wir atmeten auf, als gegen 1/2 6 Uhr morgens ununterbrochen die schweren Panzer der Amerikaner über die Pliesterbecker Straße rollten. Es war der 28. März. Alle Häuser hissten die weiße Flagge. Wir steckten die R.K.-Fahne aus [Rotkreuzfahne]. Trotz Kanonendonner und anrollender Panzer verließ Schw. Dosithea mutig das Haus, um einer schwer erkrankten Frau Beistand zu leisten. Da sie aber unbedingt den Arzt brauchte, fuhr sie unbekümmert zu Dr. Bürgel, den sie aus dem Schlaf holte und an seine Pflicht gemahnte. Er stand sofort auf, machte seinen Wagen fertig, will abfahren und bekommt aus der Nähe von einem Soldaten auf dem Panzerwagen einen Kopfschuss. Er kann noch bis in eine Tonröhre kriechen, verliert aber dann die Besinnung. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, ist er in einer Familie in der Kolonie. Herr P. Hövekamp spendet ihm die hl. Ölung. Als es aber mittags etwas besser ging, ist er zu uns gekommen und für 6 Wochen hier gewesen. Er hat im Sprechzimmer gewohnt. Die Amerikaner durchsuchen das Gelände nach deutschen Soldaten. Mit schweren Karabinern gehen sie von einem Loch zum andern. Unsere armen deutschen Soldaten standen in langen Reihen mit hochgehobenen Armen auf der Borkener Straße. Sie gingen nun dem schweren Schicksal der Gefangenschaft entgegen. Von den Spitzen der NSDAP, Schwarz, Nölle, Pöther u.s.w. war keiner mehr da. Fluchtartig waren alle verschwunden. Dann kam der Karfreitag. Um 10 Uhr war die Liturgie in der Kirche. Wir hatten Ausgang von 10-11 Uhr und von 15-16 Uhr. Dann setzte wieder Arie-Beschuss ein, wieder von der deutschen SS, die in der Hardt Deckung gefunden hatte. Nachmittags um 3 1/4 Uhr war Kreuzwegandacht. Immer mehr Amerikaner rückten heran. Darum mussten die Bewohner der Parallelstraße, der Zeppelinstraße und vom Söltener Weg ihre Wohnungen räumen. Als Herr Borheyer mit seiner kranken Frau aus dem Bunker kam und seine beschlagnahmte Wohnung erblickte, bekam er einen Herzschlag und war gleich tot.

Amerikanische Soldaten waren bei den deutschen Kindern wegen ihrer meist mit Bonbons gefüllten Hosentaschen besonders beliebt; Foto (1945)

Rhade. Die Bevölkerung in Rhade erlebte das Ende des Krieges mit der Drohung der deutschen Flak-Soldaten, den Kirch­turm niederzulegen. Pfarrer Debbing notierte die Ereignisse dieser letzten Tage und Stunden in seiner Chronik. Be­reits am 27. März hatte das deutsche Mili­tär den Ort verlassen, die Menschen packten ihre Habseligkeiten zusammen und flüchteten in die Wälder oder kauer­ten in Kellern oder Bunkern. Um 11 Uhr sollte der Kirchturm in Trümmer gelegt werden, um zu verhindern, dass die her­anrückenden Alliierten sich des Turmes als Beobachtungsturm bemächtigten. Die Anwohner des Kirchplatzes mussten ihre Häuser räumen. Amerikaner be­schossen das Dorf, während die Men­schen in den Kellern mit bangem Herzen auf die Sprengung ihres Kirchturms war­teten. Doch nichts geschah. Das Artilleriefeuer wurde immer schwächer und war bald nur noch aus der Ferne zu hören. Gegen 2 Uhr mittags rollten die ersten amerikanischen Panzer in Rhade ein. Als Pfarrer Debbing aus dem Keller kam, galt sein erster Blick dem Kirch­turm, der noch stand. Das Pfarrhaus war durchsucht worden. Gestohlen wurden nur Kleinigkeiten. Panzer und Gelände­wagen füllten im Laufe des Nachmittags das Dorf. Autos standen überall herum, auch im Garten des Pastorats, in der 40 Soldaten Quartier bezogen hatten. Die 33-jährige Josephine Wissing und der 15-jährige Johannes Hinsken kamen im vorangegangenen Artilleriebeschuss ums Leben. Die Besatzer beschlagnahmten Häuser, verboten an den Kar-Tagen den Gottes­dienst und verhängten eine Ausgangs­sperre. Die Rhader durften nur vormit­tags von 7 bis 8 und nachmittags von 5 bis 6 Uhr die Häuser verlassen. Um weitere Einquartierungen von durchziehenden Truppen im Pfarrhaus zu vermeiden, be­kam Pfarrer Debbing von einem Offizier eine „Off-limits“-Bescheinigung ausge­stellt. Ostern durfte wieder Gottesdienst gehalten werden, am andern Tag die Frühmesse.

Amerikanische Infanterie im Schutz des Panzers

Wulfen. Pfarrer Janmieling schrieb am 5. April 1945 auf dem Hof Schonebeck auf, wie er den Einmarsch der Amerikaner in Wulfen erlebte (Originaltext): Am 27. März 1945, es war ein nebliger Tag, hatten wir vor Tieffliegern Ruhe. Am andern Tag (Mittwoch) verdichteten sich die Gerüchte von der Herannäherung der Front. Man sagte auch, dass die polnische Legion im Anzuge sei, die Frauen und Kinder erschieße. […] Die Leute legten sich, soweit es möglich war, im Keller schlafen. Am andern Morgen war um 5.30 Uhr die hl. Messe. Gegen 7 Uhr stand ein amerikanischer Posten an der Ecke, wo der Napoleonsweg ab­geht. Bald darauf ging amerikanische Infanterie in lockerer Linie auf der Straße voran in Richtung Lippramsdorf. Im Laufe des Tages kamen einige Panzerwagen über den Napoleonsweg. Am Abend bezogen etwa 50 Mann Quartier. Um sieben Uhr musste das Erdgeschoß geräumt werden, und nun fingen die Soldaten an zu kochen, zu braten, zu essen und zu trinken. Den Keller mit den Vorräten betrachteten sie als ihr eigen. Am Karsamstag (30. März) zogen sie wieder ab. […] In jeder Minute kamen durchschnittlich fünf Fahrzeuge über den Napoleonsweg – vom schweren Panzer bis zum Personen­auto. […] Auf der anderen Seite der Lippe hörte man bis Ostermontag noch Kanonendon­ner. Erst am Dienstag hörte dieser auf. […] Unkontrollierte Gerüchte sagen: Himmler und Hitler hätten sich erschossen. Die zahllosen Ausländer drohen unserem Lande zum Verhängnis zu werden. Beson­ders die Russen ziehen plündernd und raubend durch die Gegend. Alles in allem durch­leben wir eine unendlich traurige Osterzeit. Möge Gott es geben, dass wir bald wieder anfangen dürfen aufzubauen und ein geordnetes, friedliches, wenn auch bescheidenes Leben führen können.“

Zwischen den Ruinen ein "Picknick"

Altendorf-Ulfkotte. Am 29. März bemerkte der Landwirt Theo Breil gegen 15 Uhr die ersten amerikanischen Soldaten, als er gerade Runkeln vom Feld holen wollte. Er ging zum Haus zurück und hisste sofort die weiße Fahne. Sechs Familienangehörige, zwei französische Kriegsgefangene und zwei russische Fremdarbeiterinnen wohnten auf dem Hof, die allesamt von den Amerikanern in den Rübenkeller eingesperrt wurden, der gleichzeitig als Bunker diente. Hinzu kam ein befreundetes Ehepaar aus Dorsten, Karl und Wilhelm Elles, mit Tochter Paula. Ebenfalls in den Bunker musste Pfarrer Westhoff von St. Agatha, der an diesem Tag die Gründonnerstagmesse auf dem Nachbarhof Dönnebrink gelesen hatte. Im Keller befanden sich Nahrungsmittel und Wasser, so dass die vielen Personen über drei Tage lang eingeschlossen ohne Hunger und Durst verbringen konnten. Dann durften der Bauer und die Fremdarbeiterinnen die Kühe melken, die schon lange vor Schmerzen brüllten. Mittlerweile befanden sich rund 100 Soldaten mit Jeeps, Panzern und LKW auf dem Hof. Nach dem Melken musste Breil wieder in den Rübenkeller. Die französischen Kriegsgefangenen und die Fremdarbeiterinnen wurden von den Amerikanern zur Sammelstelle Schleusenlager gebracht. Pfarrer Westhoff konnte nach Dorsten zurückkehren. Nach 90-stündigem Aufenthalt im abgeschlossenen Rübenkeller durften auch die Familie Breil und die anderen ihren Bunker verlassen und mussten sich eine Bleibe auf einem anderen Hof suchen, denn im Breilschen Hof, der mittlerweile von befreiten polnischen Ostarbeitern geplündert war, richteten sich die Amerikaner ein. Als die Familie schließlich auf ihren Hof zurückkehren durfte, waren die Bullen aufs freie Feld gejagt worden und alle Hühner aufgegessen. Nur eins überlebte das große Schlachten. Es saß verängstigt in einem Baum.

Suche nach deutschen Soldaten von Haus zu Haus

Lembeck. „Am Mittwoch in der Karwoche rückten am Nachmittag die feindlichen Truppen in unser Heimatdorf ein“, steht in der Schulchronik der Laurentiusschule. Das Dorf lag wie ausgestorben da, als die Amerikaner es bei ihrem Vormarsch erreichten. Verunsichert durch die nationalsozialistische Propaganda, hatten die Einwohner zum großen Teil die Flucht ergriffen. Einige besonders Ängstliche, darunter die Parteigenossen, hatten sich im Elven in der Erde einen Unterstand gebaut, andere suchten in der Hohen Mark Unterschlupf. Wiederum andere suchten in dem 1944 auf dem Schulhof gebauten Bunker Schutz. Christine Cosanne:

„Ich hatte die weiße Fahne gehisst und wartete mit Mann, Kindern und einer Familie  im Keller. Die Amerikaner kamen ins Haus, suchten nach deutschen Soldaten und zogen wieder ab mit dem Hinweis an uns, das Haus nicht zu verlassen.“

Später stellte sich heraus, dass der Volkssturm in Erle, Rhade und Lembeck zur Gegenwehr nicht genügend Waffen hatte. Allerdings gab es in Endeln noch harte Kämpfe um einen kleinen Busch, auch in Wessendorf gab es noch Verwundete und Tote. Die Chronik der Schule schreibt: „Leider wurden am Abend durch Artillerie drei Schüler – Bernhard Langenhorst, Maria Bohle und Wöste – schwer verletzt und starben kurz darauf an den Folgen.“ In Lasthausen erklärte ein deutscher Offizier am Morgen des 28. März: „Die Ortschaft werden wir bis zum Letzten verteidigen!“ Als die Amerikaner näher rückten, wurde viel geschossen. Lautlos setzte sich der vollmundige Offizier ab. Fünf tote Soldaten ließ er zurück, darunter einen 19-Jährigen. Auf dem Brink hatte ein Bauer morgens gut sichtbar am Baum die weiße Fahne gehängt. Von zurückziehenden deutschen Soldaten wurde das Tuch wieder heruntergerissen. Stunden später waren die Amerikaner da. Der Krieg war in Lembeck an diesem Tag beendet. Bauer Heinrich Sondermann wurde von den Alliierten mit den Worten „Du jetzt Bürgermeister“ als solcher eingesetzt.

Lembecker Landwirt im Juni 1945 erschossen

In seinem Haus in Lembeck-Endeln wurde am 3. Juni 1945 der 66 Jahre alte Landwirt Hubert Vorholt (vermutlich) von befreiten russischern Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern erschossen. Die Täter wurden nicht festgestellt. Der Vorgang steht im Polizeibericht vom 3. Juni 1945:

„In der vergangenen Nacht ist gegen 2 Uhr der Landwirt Hubert Vorholt, geb. am 26. Januar 1879 in Morp bei Düsseldorf, in Lembeck-Endeln 36 wohnhaft, in seiner Wohnung von Russen erschossen worden. Um 2 Uhr drangen mehrere Russen in die Wohnung des Vorholt ein. Im selben Augenblick fielen vor und in dem Haus mehrere Schüsse. Vorholt ist in seiner Wohnung und zwar vor der Ausgangstür, die zum Hof führt, erschossen worden. Er hat wahrscheinlich versucht, nach draußen zu gelangen und Hilfe zu holen. Vorholt ist durch zwei Kopfschüsse tödlich getroffen. Hatte aber außerdem noch mehrere Schüsse in den Körper erhalten. Es muß in dem Hause eine wilde Schießerei stat5tgefunden haben. Von den Nachbarn und den zugezogenen englischen Soldaten wurden mehrere abgeschossene Patronenhülsen, die aus einer Armeepistole stammen, gefunden. Es kann wohl mit Sicherheit gesagt werden, dass der Mord durch Russen ausgeführt worden ist. Die Täter sind Richtung Lasthausen geflüchtet. Der Weg zum Lager der Russen in Deuten führt über Lasthausen.“

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Quellen:  Die Fotos haben keinen authentischen Bezug zu den Landgemeinden und Stadtteilen. – Hervest: „Geschichten aus Hervest“, Online (2012). – Lembeck: Auszug Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel „Waffen im Bombentrichter und weiße Fahne am Baum“ in „Dorsten nach der Stunde Null“, 1986. – Altendorf-Ulfkotte: Auszug Christel Winkel „Nur ein Huhn entkam dem Schlachtfest“ in „Dorsten nach der Stunde Null“, 1986. – Manfred Steiger (†) /Josef Lohbreyer: „Gedenkbuch Lembecker Opfer des 2. Weltkriegs“, 2013, Privatdruck.

 

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