Hamsterfahrten – Bauern hatten „Perserteppiche im Kuhstall“

Hamster-Rucksack aus der damaligen Zeit, heute im Museum

W. St. – Der Hunger bestimmte Denken und Handeln der Menschen in den Nachkriegsjahren. Die auf Lebensmittelkarten zu kaufende Nahrung reichte bei weitem nicht aus. Nur Tausch- und „Kompensationsgeschäfte“ konnten das Überleben sichern. Kurz nach Kriegsende setzten die Hamsterfahrten ein. Massenhaft begaben sich die Dorstener, darunter viele Flüchtlinge aus dem Osten, in die Herrlichkeitsdörfer und weiter weg ins Münsterland,  denn dort war die Versorgungslage weitaus besser. In überfüllten Zügen, in Güterwaggons, zu Fuß und mit dem Fahrrad, oft tagelang ohne zu rasten und zu schlafen, durchstreifen sie die Dörfer, um Schmuck, Hausrat, Kleidung oder Wertgegenstände gegen Butter, Speck und Kartoffeln zu tauschen. Viele Bauern ließen sich die Lebensmittel teuer bezahlen und erwarben so „für’n Appel und’n Ei“ oft kostbaren Schmuck, Silberbestecke u. ä., was Flüchtlinge gerade noch aus der alten Heimat retten und mitnehmen konnten. Die bösen Worte vom „Perserteppich im Kuhstall“  machten die Runde.  In Lembeck gab es zwei Bauernhöfe, die tatsächlich dafür bekannt waren, dass Orientteppiche auf dem Boden der Räume übereinander lagen und Hühner darauf herumgackerten.

Etliche Dorstener wurden als „Hilfspolizisten“ angestellt, die in Zivil die Züge kontrollierten. Ein Holsterhausener Ex-Polizist, der während der Entnazifizierung auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst warten musste, war als „Hamster-Kontrolleur“ besonders aktiv tätig. Ihm wurden mehrmals die Scheiben seines Wohnhauses in der Holsterhausener „Sachsensiedlung“ eingeworfen, bis er mit seiner Familie schließlich zuerst nach Hervest und von dort, wo ihm Ähnliches widerfuhr, nach Haltern verzog.

Goldene Eheringe gegen eine dünne Scheibe Speck

Wer nichts zu „verhamstern“ hatte, sei es durch Ausbombung oder Flucht und Vertreibung, stand schlecht da. 20 Prozent der Dorstener Erwachsenen waren unterernährt; die Sterblichkeit lag bei 1,4 Prozent (Säuglinge 8,6 Prozent), 25 Prozent der Schulkinder waren unterernährt, 60 Prozent hatten Zahnschäden, 8,4 Prozent waren von der Krätze befallen, zwei Prozent hatten Ungeziefer und Geschlechtskrankheiten kamen zehnmal so oft vor wie 1943. Viele, die keine Tauschwaren besaßen, besonders Kriegerwitwen und Flüchtlingsfrauen, verdingten sich bei den Bauern als Arbeitskräfte gegen Naturallohn. In dieser Notzeit erteilt der Kölner Kardinal Frings für kleinere „Ungenauigkeiten“ in Eigentumsfragen von der Kanzel herab die Absolution. Lebensnotwendiges zu nehmen, wenn es weder durch Arbeit noch durch Bitten zu bekommen war, erklärt er für erlaubt, beispielsweise wenn von Güterzügen Kohlen oder von Lastwagen Kartoffeln herunter gefallen waren. Das „Fringsen” wurde zum geflügelten Wort. Das Wort „Hamstern“ wurde aber auch negativ verwendet.

Antonius Dönnebrink, Bürgermeister von Altendorf-Ulfkotte

Zwanzig ausländische Filterzigaretten kosteten 200 Mark oder man tauschte, was „kompensieren“ hieß. Perserteppiche gegen Kartoffeln. Täglich kamen Scharen aus dem Ruhrgebiet in die Landgemeinden und auf die Bauernhöfe. Ein altes Ehepaar kam auf einen Bauernhof in Altendorf und tauschte für ihre goldenen Eheringe eine dünne, handtellergroße Scheibe Speck bei einem Ulfkotter Bauern ein. Darüber erbost, ging der damalige Bürgermeister Antonius Dönnebrink mit dem vollen Respekt seines Bürgermeisteramtes zu dem Hof, rief laut am Tor: „Ich will die Trauringe!“. Nach einer Weile bekam er sie kleinlaut und händigte sie dem alten Ehepaar wieder aus. Über das Hamstern schrieb die „Dorstener Volkszeitung“ unter der Überschrift „Unerträgliche Hamsterplage“:

„Die Masse der Hamsterer, die das Lembecker Gebiet geradezu überschwemmen, wächst in den letzten Wochen ganz ungeheuer und bildet sich zu einer Plage aus, die wirklich unerträglich geworden ist. In vielen Fällen ist der Bauer nicht mehr Herr seines eigenen Hofes, viel weniger seiner Vorräte an Obst und Kartoffeln, da die Hausierer nur mit Gewalt zu entfernen sind. Schlägereien zwischen Bauern und Felddieben sind an der Tagesordnung, zumal die große Not die hungernden Menschen immer rabiater macht. Viele Bauern sehnen den Abschluss der Ernte herbei, damit sie endlich wieder etwas Ruhe bekommen.“

Häufig wurde das mühsam „Gehamsterte“ auf dem Weg nach Hause beschlagnahmt, denn Hamstern war offiziell verboten. An Bahnhöfen und Ausfallstraßen fanden Kontrollen statt. Doch Kontrollen wie Appelle, das „Hamstern“ zu unterlassen, zeigten keinerlei Wirkung. Nach und nach wurden die strengen Regelungen gegen das „Hamsterunwesen“ entschärft, Lebensmittel in bestimmten, festgelegten Mengen, die der Selbstversorgung dienten, nicht mehr eingezogen. Viele halfen den Bauern auch gegen Bezahlung in Naturalien bei der Ernte. Nach der Währungsreform 1948 füllten sich die Geschäfte wieder mit Waren. Die Hamsterfahrten gingen zurück.

 

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